"Die besten Jahre unseres Lebens" nannte William Wyler 1946 mit bitterer Ironie seinen berühmten Film über Amerikas junge Helden, die von den Schlachtfeldern Europas und Asiens in eine enge Kleinstadtwelt zurückkehrten, in der sie sich kaum noch zurechtfanden. Die besten Jahre ihres Lebens: vertan.

"Die besten Jahre unseres Lebens" – das wäre auch kein schlechter Titel für Michael Ciminos heftig umstrittenen Film "The Deer Hunter" (seinetwegen verließen die Russen und ihre Verbündeten die Berliner Filmfestspiele), auf jeden Fall ein besserer Titel als "Die durch die Hölle gehen". Denn ein martialisches Landser-Epos für den Geschmack der Bruce-Lee- und Bud-Spencer-Klientele ist "The Deer Hunter" gewiß nicht, auch wenn der deutsche Verleih das Drei-Stunden-Werk vorzugsweise an Action-Kinos vermietet. Ich sah die hervorragend synchronisierte deutsche Fassung (die allerdings um ein paar Minuten gekürzt scheint) im Hamburger "City" am Steindamm, mitten im lebhaften red light district rund um den Hauptbahnhof. Und ich war überrascht, wie aufmerksam und geduldig das offensichtlich auf knallige Gewalt und fröhlichen Heroismus eingestimmte Publikum Ciminos Film ertrug. Nur ein paar Rocker verließen protestierend den Saal, als der Film nach fast einer Stunde noch immer nicht "zur Sache" gekommen war, sich geradezu aufreizend viel Zeit nahm, eine russisch-orthodoxe Hochzeit in einem Stahlarbeiterstädtchen in Pennsylvania und einen Jagdausflug in die nahegelegenen Alleghenies zu beobachten.

Erst nach 67 Minuten befördert Cimino seine drei Hauptfiguren, die jungen Stahlarbeiter Michael, Nick und Steven, mit einem abrupten Schnitt aus der trostlosen Industriestadt Clairton in den Dschungel von Vietnam. Und längst hat man gemerkt, daß es hier keinen konventionellen Kriegsfilm zu sehen gibt. Dafür läßt sich Cimino viel zu ausführlich und detailverliebt auf das Leben in der kleinen "Community" ein, dafür nähert sich die Panavisions-Kamera von Vilmos Zsigmond (der oft für Robert Altman arbeitet) viel zu neugierig den Schauplätzen: eine Kneipe, ein Ballsaal, in dem Stevens Hochzeit stattfindet, ein "mobile home" gegenüber der gigantischen Fabrikanlage, wo Michael und Nick wohnen.

Diese langen, atmosphärisch genauen Sequenzen vom Arbeiten und vom Feiern, vom Alltag einer kleinen Gruppe von Menschen, hat man noch im Kopf, wenn man Michael, Nick und Steven zum zweitenmal begegnet: beim Einsatz in Vietnam, erst in einem brennenden Dorf, dessen Bewohner grausam abgeschlachtet werden, dann in der Gefangenschaft der Vietcong, wo sie zur sadistischen Lust ihrer Bewacher russisches Roulett spielen müssen – mit einem Trommelrevolver, von dessen sechs Kammern nur eine geladen ist. Speziell diese Szene, die rund zwanzig Minuten dauert und in der Tat sehr schwer erträglich ist, hat einige Kritiker empört. Hier würden den Vietnamesen Grausamkeiten zugeschrieben, die in Wirklichkeit die Amerikaner begangen hätten, hier werde der Freiheitskampf eines ganzen Volkes diffamiert.

Doch dieser Vorwurf zielt an "The Deer Hunter" vorbei. Nichts liegt Cimino, dessen zweiter Film dies erst ist, ferner als Propaganda, weder für die "Falken" (denen John Wayne seine "Green Berets" widmete) noch für die "Tauben" (deren schlechtes Gewissen Hal Ashby und Jane Fonda mit "Coming Home" beschwichtigten). Ciminos Perspektive ist entschieden unpolitisch, sie ist die seiner Figuren, die nicht geläutert aus dem "Stahlbad" hervorgehen (weder im Sinne Waynes noch im Sinne Jane Fondas), die den Krieg nicht als ideologische Auseinandersetzung erleben, sondern als Persönlichkeitszerstörung, aus der sie gleichwohl nichts lernen.

Steven verliert seine Beine, Nick verliert seinen Verstand (in den Hinterzimmern des untergehenden Saigon spielt er russisches Roulett vor einem zahlenden Publikum). Und Michael, Titelheld und zentrale Figur, verliert seinen Jagdinstinkt, nach der klassischen amerikanischen Vorstellung seine Männlichkeit: Nach seiner Rückkehr aus Vietnam läßt der "Deer Hunter" den kapitalen Hirsch, den er schon im Visier hat, laufen – eines der vielen Bilder der Ohnmacht und Impotenz, mit denen Michael Cimino die Zuschauer traktiert. Es sind Impressionen eines langsamen, qualvollen Selbstmords, die er hier entwirft.

Um so schockierender erscheint die Schlußsequenz: Nach der Beerdigung von Nick, den Michael nicht mehr aus der Hölle von Saigon retten konnte, versammeln sich die Überlebenden zu einem improvisierten Leichenschmaus in der Kneipe. Und während er Rühreier zubereitet, stimmt der dicke John das Lied "God bless America" an, in das die Trauergemeinde, erst zögernd, dann immer bestimmter, einfällt. Und das ist nun nicht der höhnische Abgesang auf das kaputte, moralisch korrupte Amerika, sondern Ausdruck einer Zerrissenheit, die, von "The Long Grey Line" bis "The Searchers", auch viele große Filme von John Ford kennzeichnet: Die Trauer über einen Verlust geht auf in der Gewißheit, dennoch in einer familiären und auch nationalen Identität Geborgenheit zu finden. Amerika ist tot, es lebe Amerika. Man kann diese Haltung fragwürdig finden, sie ist auf jeden Fall authentischer als das liberale Rechtfertigungspathos von "Coming Home". Und die Art, wie Vilmos Zsigmonds Kamera die Trauergesellschaft zeigt, die sich nicht zu einer Weihestunde versammelt hat, sondern zu einem Rühreieressen, läßt falsches Pathos nicht aufkommen.