Von Klaus Viedebantt

Anchorage

Am späten Nachmittag ist in der schäbigen Bar auf der 4th Avenue schon ordentlich was los. Anchorage, Alaskas bedeutendste Stadt, bietet schlichten Gemütern nicht viel Abwechslung, schon gar nicht im Winter. Immerhin, die lauten, rauhen Gestalten, die ihr Bier ernsthaft und mit dem Rausch als Ziel in sich hineinkippen, haben in diesen Tagen ein Thema: Der „Iditarod Trail“, das alljährliche Hunderennen über gut 1800 Kilometer quer durch das vereiste, einsame Land ist gestartet – vielleicht die härteste sportliche Prüfung, die Mensch und Tier in dieser Zeit noch gemeinsam zu bestehen haben. Sicherlich ist der Trail aber eines der letzten Abenteuer in dem ölprosperierenden Vorfeld der Arktis.

Am Tresen führte Billy das große Wort. Gewiß, alle in der Kneipe, alle in der Stadt können mitreden, so, wie bei uns alle kompetente Gesprächspartner in Sachen Fußball, Auto oder Kindererziehung sind. Aber Billy hatte Autorität, er war einst selber ein „Musher“, war selber hinter dem leichten Schlitten mit den Gespannen der überraschend kleinen, unglaublich zähen Huskies hergezogen. Man sah es seinem Säufergesicht nicht an, aber er hatte zu erzählen aus jenen Tagen, Geschichten über Geschichten. Und jetzt war einer in dieses Bumslokal geschneit, der seine Geschichten noch nicht kannte, einer aus Deutschland, der etwas hören wollte über den Trail.

Er schob die Frau von seiner Flanke, die so aussah, als hätte sie das Türschild „Kein Zutritt für Prostituierte“ übersehen; er knuffte seinen mundfaulen Saufkumpan beiseite, orderte ein Bier und hatte nun den unerhofften Zuhörer fest im Griff: „Also, der Iditarod Trail, das ist die größte Sache überhaupt. Auf der ganzen Welt.“

„Sind Sie selber schon den Trail gefahren?“ – „No, Sir, ich nicht und keiner von denen hier. Aber ich habe früher viele Rennen mit meinen Hunden bestritten. Wir waren ein verdammt gutes Team. Wir waren auch gemeldet für das Rennen, aber im Training wurde ich krank. Ich bin nie wieder richtig auf die Beine gekommen, zumindest was solche Strapazen betrifft. Aber bei den Mannschaften, die hier gestern starteten, hätten wir gut mitmischen können.“

55 Teams waren in Anchorage auf die Strecke gegangen, auch drei Frauen. Am letzten Wochenende trafen jene, die durchgehalten haben, am Ziel in Nome ein. 27 Kontrollstationen hatten sie zu passieren, nur rund vierzehn Tage hatten sie gebraucht dank der günstigen Witterung. Bei schlechtem Wetter sind die Mannschaften oft drei Wochen unterwegs.