/ Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im März Das war nicht das Jerusalem vom November 1977. Damals, als der ägyptische Präsident Anwar el-Sadat in die heilige „hochgebaute“ Stadt einfuhr, brandete der Jubel Zehntausender Israelis auf. Der Feind von gestern, der als künftiger Freund zu seiner „heiligen Mission“ nach Jerusalem aufgebrochen war, wurde von einer gewaltigen Woge der Zustimmung und Zuversicht getragen. Die Israelis wollten ihren Augen nicht trauen: Sadat umarmte Begin, er verneigte sich vor der Fahne mit dem Davidstern, er gedachte der Millionen Ermordeter in der Gedenkstätte Jad Vaschem, er versprach vom Podium des Parlaments aus, daß es nie wieder Krieg geben sollte zwischen Israelis und Ägyptern. Sadat wurde damals von jenen, die er zum Haß und Mißtrauen gezwungen hatte, wie ein Friedensbote gefeiert, geehrt fast schon wie ein künftiger Ehrenbürger des Judenstaates. Ein neues Zeitalter, so schien es, kündigte sich für den Nahen Osten an.

Jerusalem im März 1979 war dagegen beinahe eine normale, alltägliche Stadt, obschon nach Jimmy Carter ihr Gast war, immerhin – nach Richard Nixon – erst der zweite amerikanische Präsident, der in ihren alten Mauern weilte. Aber dem mächtigsten Mann der westlichen Welt, dem immer noch treuesten Freund Israels, schlug keine Begeisterung entgegen. Daß er vor dem Grab Theodor Herzls kniete, in Jad Vaschem vor der ewigen Flamme stand, im Parlament Amerikas „einzigartige“ Verbundenheit mit Israel beschwor, wurde wie etwas Selbstverständliches hingenommen. Ein Staatsbesucher wie viele andere, so war der flüchtige Eindruck, achtete man nicht auf die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die überdimensionale Wagenkolonne, die gelegentlichen Protestdemonstrationen am Straßenrand. Jimmy Carters spontaner Auftritt in Israel signalisierte, welche Probleme auf der Suche nach dem Frieden lasteten.

Es sind nicht die politischen Missionare, die den Kurs bestimmen, sondern die hartnäckigen. Händler, die sich um. ein Wort streiten, um Punkt und Komma. Der Jimmy Carter, den man aus dem Fernsehen kennt, war nicht in Jerusalem: der immer lächelnde, immer fröhliche, immer Optimismus verbreitende Carter. In den aufreibenden tage- und nächtelangen Diskussionen mit den israelischen Unterhändlern war ihm das Lachen vergangen. Und trat er einmal vor die Öffentlichkeit, dann wirkte es oft verkrampft, verzerrt. Wenn nicht schon zuvor, dann hat der amerikanische Präsident während dieser drei anstrengenden Tage die schwere Bürde seines Amtes gespürt. Es waren Tage der Ernüchterung, streckenweise wohl auch der Enttäuschung.

Ein Meer von Steinen

Freilich mußte er wissen, was ihn an Ort und Stelle erwartete. Schließlich hatte er schon vorher, erst in Camp David, später in Washington, erfahren müssen, daß er bei den Israelis auf Granit beißt, sobald er von ihnen zu schnell zuviel verlangt. Schließlich hatte er auch einen Sadat kennenlernen müssen, der sich aus verständlichem Selbstbehauptungswillen gegenüber seinen arabischen Gegnern auf Positionen und Punkte versteifte, die keine Kompromisse zuließen. Carter mußte einsehen, daß die „Dynamik des Friedensprozesses“, die er immer wieder beschwor, für die Israelis, mehr bedeutete, als nur eine griffige Formel, die auf einen Schlag alle Probleme löst.

Der Präsident mußte schließlich zur Kenntnis, nehmen, daß der anfangs ungeliebte Menachem Begin zwar zu erstaunlichen Zugeständnissen bereit war, die Konzessionsbereitschaft des ansonsten unbeweglichen Ministerpräsidenten indessen innenpolitisch und erst recht innerhalb seiner eigenen Partei, wie auch seiner Koalitionsregierung auf enge Grenzen gestoßen war. So vermochte der israelische Premier die beiden Rahmenabkommen von Camp David in der Knesset, dem Parlament, nur mit Hilfe der Opposition durchzubringen; die jüngsten, in Washington mit Carter ausgehandelten Korrekturen zum Text eines künftigen Friedensvertrages billigte das Kabinett nur mit großen Vorbehalten und gegen den Einspruch einer Reihe von Ministern.