Nach sechs Tagen Streit kam die Einigung

Von Theo Sommer

Präsident Carter ist, allen Unkenrufen zum Trotz, nicht mit leeren Händen aus dem Orient zurückgekehrt. Es hat sich gelohnt, daß er alles auf eine Karte setzte, daß er das ganze Gewicht seines Amtes und seiner Person in die Waagschale warf. Kein anderer hätte dies vermocht. Der Weg zum Ausgleich, den Anwar el-Sadat und Menachem Begin bei der Versöhnungsreise des Ägypters nach Jerusalem einschlugen und dem Carter dann selber in Camp David Richtung und Ziel wies, endet nicht in einem diplomatischen Trümmerfeld. Die Welt darf aufatmen.

Es hätte sehr leicht anders kommen können. Dem Gelingen des Schlichtungsversuches standen ja nicht die Unverträglichkeit der handelnden Personen im Wege, sondern ein handfester Konflikt der Interessen und Emotionen. In Camp David war er keineswegs überwunden, sondern nur überbrückt worden. Die eigentlich schwierigen Fragen blieben im Nebel der Zweideutigkeit. Jeder konnte sich seinen Teil dabei denken. Und die Vagheit der September-Abmachung gerade in ihrem Kernpunkt, der Palästinenserfrage, ermunterte beide Seiten zu einem Wettlauf der Nachbesserungen – entweder in der Realität, wie es Begin mit den neuen Siedlungen im Westjordanland unternahm, oder in den Vertragsformulierungen, wie Sadat es an mehreren Stellen des Dokuments von Camp David versuchte. An dieser Unvereinbarkeit der Hintergedanken in Kairo und Jerusalem drohte der Versuch, im Nahen Osten Frieden zu stiften, ein halbes Jahr lang zu scheitern.

Tektonische Erschütterungen

Es wird noch eine Weile dauern, bis die Mühlen der Indiskretion sich zu drehen beginnen und die Weltöffentlichkeit dahinterkommt, was sich in Kairo und Jerusalem wirklich abgespielt hat. Während die Air Force One den Präsidenten nach sechs Tagen in Nahost wieder Richtung Washington flog, war noch nicht einmal klar, welche Einigung er Begin und Sadat abgetrotzt hatte und welche Fallgruben in diese Einigung eingebaut blieben. Waren tatsächlich die Hintergedanken der Kontrahenten ausgeräumt – oder werden sie unvermeidlicherweise bei der nächsten Verhandlungsrunde über die Palästinenserfrage wiederum zu Schwierigkeiten führen?

Der Einfall von Camp David war ja nicht schlecht, die wesentlichen Fragen vorsichtshalber in der Schwebe zu lassen. Es sprach schon immer vieles für eine Lösung, die den Israelis die Möglichkeit gäbe, sich während einer Phase palästinensischer Selbstverwaltung an den heute noch verpönten Gedanken eines arabischen Nachbarstaates Palästina zu gewöhnen. Zugleich hätte sie den Palästinensern erlaubt, sich davon zu überzeugen, daß die Autonomie-Phase keine Sackgasse in ein permanentes israelisches Protektorat darstellt, sondern der Übergang zu eigener Staatlichkeit sein kann. Bisher stieß das Konzept nirgendwo auf Billigung. Wird dies nun anders? Oder führt der alte Dissens bald zu neuen Verwicklungen?