Retortenbaby in Kalkutta – muß das sein? Es gibt einen Grund, der dafür spricht:

Die Diskussion um die Bevölkerungsexplosion ist, davon bin ich immer stärker überzeugt, eine Debatte mit nahezu faschistischen Untertönen. Die Vereinfachung, mit der diese Diskussion oft geführt wird, entsetzt mich. Ich kann jenen Arzt nicht vergessen, der sich – nachdem er mir all seine großartigen Arbeiten auf dem Gebiet der Malariabekämpfung erklärt hatte – zu fragen begann, ob es denn überhaupt angemessen sei, Malaria zu beherrschen. Immerhin ist Malaria, so argumentierte er, eine jener Krankheiten, die den Bevölkerungszuwachs reguliert. Eine Kontrolle der Malaria könnte zu einer größeren Bevölkerung und somit zu größerem Elend in der Dritten Welt führen. Ich war, ehrlich gesagt, entsetzt über dieses Argument. Soll das heißen, daß die Krankheiten der Dritten Welt sich selbst überlassen bleiben sollten?

Als kürzlich die beiden „Retorten-Babys“ in England und Indien geboren wurden, ergab es sich, daß ich jedesmal von der BBC interviewt wurde. Und jedesmal lagen die Fragen, die mir gestellt wurden, auf einer Linie mit den Argumenten des Malaria-Forschers: Braucht denn ein ohnehin schon überbevölkertes Land wie Indien eine Retortenbaby-Technik? Nun bin ich durchaus davon überzeugt, daß das gesamte indische Gesundheitssystem in seinen Prioritäten verzerrt ist. Aber ich muß auch gestehen, daß ich keinerlei Verbindung zwischen Bevölkerungskontrolle und Retorten-Babys sehen kann.

Der Zweck jeglicher guter medizinischer Technik ist die Linderung menschlichen Leidens. Der Zweck der Retortenbaby-Technik ist, jenen Frauen bei der Empfängnis zu helfen, die ansonsten aus bestimmten physiologischen Gründen unfruchtbar bleiben würden. In den von Männern dominierten Gesellschaften der Dritten Welt kann Unfruchtbarkeit besonders bedrückend sein, vor allem für das weibliche Mitglied der Familie. In vielen dieser Gesellschaften ist es sogar verboten, auch nur an männliche Unfruchtbarkeit zu denken. Die sozialen und familiären Zwänge können eine arme, unfruchtbare Frau in ein psychisches Wrack verwandeln.

Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO bekennt offen, daß die gegenwärtige Unfruchtbarkeitsforschung derart miserabel ist, daß es der von ihr produzierten Literatur selbst an standardisierten Definitionen mangelt. Unter solchen Umständen kann die Entwicklung einer Retortenbaby-Technik für die unterdrückten Frauen der Dritten Welt nur ein Segen sein.

Natürlich muß diese neue Technik, wie alle anderen medizinischen Methoden, zwei Bedingungen erfüllen: Sie muß billig sein, und sie muß der breiten Landbevölkerung zur Verfügung stehen. Es gibt Hinweise, daß die neue Technik die erste Bedingung erfüllen kann. Die Erfüllung der zweiten Bedingung hängt damit hauptsächlich vom Willen der Gesundheitsbehörden in den betroffenen Ländern ab. Ich kann sehr wohl das Bedürfnis für nationale Familienplanungsprogramme verstehen; aber was ich nicht verstehen würde angesichts des Elends, das die Unfruchtbarkeit verursacht, wäre ein Programm, das unfruchtbare Frauen dazu verdammt, steril zu bleiben, nur weil die Hilfe für sie zu mehr Menschen führen würde.

Wenn es tatsächlich der Druck der wachsenden Bevölkerungsexplosion auf die schwindenden irdischen Rohstoffe wäre, der über die Bedeutung einer Methode wie der Retortenbaby-Technik zu entscheiden hätte, dann wäre ich durchaus geneigt, auszurufen: „Oh! Dr. Steptoe, was haben Sie angerichtet?“ Sie haben nun eine gefährliche Technik geschaffen, die es sogar unfruchtbaren britischen Frauen ermöglicht, mehr Babys zu produzieren, und jedes einzelne von ihnen wird die ohnehin übermäßig ausgebeuteten Weltreserven so stark wie – ungefähr – 30 indische Babys belasten. Wenn dem so ist, dann wäre es eher angebracht, diese Technik im überentwickelten Westen zu verbieten.