Vom schönen Abstieg eines großen Schriftstellers

Von Peter Hamm

„Prinzip = der Anfang, das Erste, von dem ein anderes abgeleitet oder bestimmt wird, und welches daher nicht nur selbst keines anderen bedürfen, sondern dessen umgekehrt jedes andere bedürfen muß.“

(Meyers Konversationslexikon 1889)

Ulrich, der „Mann ohne Eigenschaften“ aus – Musils Roman, äußert einmal: Land kommen die Götter noch zu den Menschen, man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viel Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: und so beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens.“ Wenn es: ein Zeichen des Heimatromans ist, daß er das Land als Inbegriff des Persönlichkeits- und Werte-Erhaltenden mit gewissermaßen frommem Fanatismus gegen die Stadt ausspielt, die für ihn identisch mit Sünde und Entwurzelung ist, dann verbargen sich in Martin Walsers Romanen immer schon Heimatromane. Denn im Gegensatz zu Musils Ulrich, der im „Abstraktwerden des Lebens“ auch die Voraussetzung für eine schrankenlose, also verantwortungslose Freiheit sah und sich deshalb stets als Städter verstand, zog es die Walser-Helden aus den Städten, wenn sie von deren Sündigkeit erst genug gekostet hatten, immer wieder unwiderstehlich zurück zu ihrer ländlichen Heimat.

Als überzeugten Provinzschriftsteller, als Bodensee-Proust, hat denn auch schon in den frühen sechziger Jahren Hans Magnus Enzensberger (in der ZEIT) Martin Walser beschrieben. Und Walser selbst hat erst neulich wieder bekannt, „Parteilichkeit für Hiesiges“ sei bei ihm unausrottbar, Heimatschriftsteller, das sei überhaupt der einzige Ehrentitel, den er akzeptiere.

Nun, das Wort Heimat ist ja seit einiger Zeit nicht mehr verpönt, es darf sogar unter Intellektuellen wieder gebraucht werden. Was die Nazis daran diskreditiert haben, mit ihrem rassistischen Blut-und-Boden-Schwachsinn, scheint verschmerzt, wirkt wieder aufgewärmt jedenfalls nur noch komisch. Selbst in der CSU dürften Schriftsteller wohl nur noch in Ausnahmefällen als wurzel- und heimatlose Gesellen verachtet werden, schließlich sind Heinrich Böll und Köln, Günter Grass und Danzig, Uwe Johnson und Pommern jeweils zu so etwas wie Synonymen geworden – und erst recht Martin Walser und der Bodensee.