Amerikas jüngster Bürgermeister bekämpft das Establishment

Von Josef Joffe

Cleveland

König Chalid von Saudi-Arabien flog um den halben Erdball, um sich in Cleveland operieren zu lassen. Das Symphonieorchester der Stadt gehört zu den besten der Welt. Nach New York und Chicago beherbergt die Wirtschaftsmetropole am Erie-See die meisten Firmenhauptsitze Amerikas. Seit Mitte Dezember ist Cleveland um eine Auszeichnung reicher: Die Stadt steht vor der Pleite.

Vor drei Jahren hätte New York fast den dubiosen Ruhm erlangt, als erste amerikanische Stadt seit der Großen Depression in den Konkurs zu. gehen. Damals stand der "Big Apple" mit 1,6 Milliarden Dollar in der Kreide; im Falle Cleveland handelt es sich um lumpige 15,5 Millionen Dollar in Wechseln, die am 15. Dezember fällig wurden. Seitdem gilt die Stadt als zahlungsunfähig – die letzte Etappe vor dem Bankrott, den nur ein Gericht feststellen kann. Noch sind die Gläubiger – sechs Clevelander Banken – nicht vor den Kadi gezogen, aber zur Zeit denkt auch niemand daran, der Stadt auch nur einen einzigen Dojlar zu leihen – das heißt, fast niemand: Ausgerechnet eine deutsche Bank, die Franfurter Richard Daus & Co., an der auch die Westdeutsche Landesbank beteiligt ist, hat sich anheischig gemacht, eine 50-Millionen-Dollar-Anleihe in Europa und im Nahen Osten aufzunehmen.

Eine Stadt vor dem Bankrott: Was in Deutschland kaum vorstellbar ist, könnte in Amerika leicht zur Routine werden. Wie viele amerikanischen Großstädte ist Cleveland zur "Heimat derer geworden, die nicht für sich selbst sorgen können" – so Marshall Kaplan vom US-Wohnungsbau- und Städteministerium. Überall ist der produktivste (und steuerträchtigste) Teil der Bevölkerung in die autonomen Vorstädte abgewandert. Zurückgeblieben sind die Armen, die Hilflosen und veraltete, kränkelnde Industriezweige. Allein in den letzten zwei Jahrzehnten hat Cleveland ein Drittel seiner Bevölkerung verloren; in derselben Zeit ist der Anteil der Schwarten von 29 auf 40 Prozent gestiegen.

Diese Kulisse könnte überall entstehen, doch das Pleitedrama von Cleveland konnte sich erst entfalten, nachdem Anfang 1978 eine neue Truppe die Macht im Rathaus übernommen hatte. Mit ihr wurden die geplatzten Wechsel zur Waffe in einem gnadenlosen Kampf zwischen dem Establishment und einer Garde von reformbesessenen Jung-Türken.