Von Joachim Glaubitz

Trotz der dramatischen Abkehr Chinas vom revolutionären Maoismus hat die Außenpolitik ihre Kontinuität bewahrt und jenen Kurs grundsätzlich beibehalten, den ihr Tschou En-lai und Mao Tse-tung Ende der sechziger Jahre gegeben haben, Zielpunkt ist der Abbau der Doppelkonfrontation mit den beiden Supermächten USA und Sowjetunion. An ihre Stelle trat eine Neubewertung der Feindbilder. Hauptgegner auf allen Ebenen internationaler Politik wurde die Sowjetunion. Den ideologischen Vorstellungen und langfristigen Konzeptionen, auf denen diese noch vor einem Jahrzehnt undenkbare Schwenkung der chinesischen Außenpolitik fußt, geht eine anregende Arbeit nach:

Peter J. Opitz: „Chinas Außenpolitik – Ideologische Prinzipien – strategische Konzepte“; Texte + Thesen, Sachgebiet Politik, Nr. 89; Edition Interfrom; Zürich 1977; 107 S., DM 8,–.

Nicht Fakten, sondern Kategorien chinesischen außenpolitischen Handelns stehen im Mittelpunkt dieser Untersuchung. Sie greift auf die Anfänge der Außenpolitik der chinesischen Kommunisten in der Yenan-Zeit zurück, als Mao nach dem Langen Marsch sich mit seinen Kampfgefährten auf die Eroberung des Landes vorbereitete und die taktischen Prinzipien entwickelte, die für die Behandlung seiner inneren Gegner maßgebend wurden. Daß er dieselben Taktiken später auch gegenüber den ausländischen Mächten anwandte, wird belegt mit dem Auftauchen der gleichen Parolen Jahrzehnte später – nun aber im außenpolitischen Kontext.

Zentrale Bedeutung im politischen Denken und Handeln Mao Tse-tungs erlangte die der marxistisch-leninistischen Philosophie entlehnte Lehre von den Widersprüchen. Sie diente Mao sowohl zur Analyse der chinesischen Gesellschaft als auch zur Interpretation der Herrschaftsverhältnisse in der Welt. Mit ihrer Hilfe rechtfertigte er Koalitionen mit politischen Gegnern von zeitweilig geringerer Gefährlichkeit, um einer momentan akuten Bedrohung, dem „Hauptwiderspruch“, begegnen zu können. Dieses taktische Differenzieren läuft wie ein roter Faden auch durch Chinas Außenpolitik. Auf dieses Grundmuster läßt sich die Einheitsfront der chinesischen Kommunisten mit Tschiang Kai-schek gegen Japan, dem gefährlichsten Gegner Chinas ab 1937, ebenso zurückführen wie die gegenwärtigen Anstrengungen Pekings, das Konzept von den Drei Welten in die Widerspruchslehre einzubeziehen und die Länder der Zweiten und Dritten Welt zum Zusammenschluß gegen den „Hauptwiderspruch“, die sowjetische Hegemonialmacht, zu bewegen.

Setzt man die praktische Politik mit der außenpolitischen Programmatik Chinas in Beziehung, so sollte eine Bewertung fairerweise von der schmalen Basis ausgehen, von der aus Mao operieren mußte. Der Verfasser sieht dabei sehr richtig in der Sicherung der nationalen Unabhängigkeit die eigentliche Aufgabe der chinesischen Diplomatie. In den nationalen Interessen Chinas und in dem Unvermögen Stalins, ihnen zu entsprechen, ist eine wesentliche Ursache für die Auseinandersetzung und den späteren Bruch mit dem Kreml zu suchen. Daß man in Peking trotz allem an Stalin als „großem Marxisten-Leninisten unserer Zeit“ festhält und die sowjetischen Panzer in Ungarn 1956 verteidigt, die lntervetition in Prag 1968 jedoch als Akt des Sozialimperialismus verurteilt, gehört zu jenen Widersprüchen chinesischer politischer Argumentation, die auch die Widerspruchslehre nicht restlos aufzulösen Vermag.

Mit den Schwierigkeiten der Chinesen, revolutionäre Reinheit mit politischem Realismus in der Außenpolitik in Einklang zu bringen, beschäftigt sich noch ein anderes Buch: