Hans-Dietrich Genscher quält die Sorge um die Zukunft der FDP

Von Rolf Tschombé

An guten Wünschen, klugen Ratschlägen und schönen Vorsätzen mangelte es wahrlich nicht. Blumen die Masse und Hunderte von Briefen hat Hans-Dietrich Genscher in den letzten Tagen bekommen. Hausmittel wurden ihm empfohlen, vom Wadenwickel bis zum Waldlauf; Entlastung wurde ihm nahegelegt, immer wieder wurde er mit der Bitte bedrängt, er möge sich schonen. Und in seiner Partei klang es unisono: Wir müssen versuchen, ihm einen Teil seiner Arbeit abzunehmen. Koalition und Opposition wetteiferten in Genesungswünschen. Was da geschah, darf man ohne Übertreibung eine Sympathiewelle nennen – eine Erscheinung, die regelmäßig auftritt, wenn Spitzenpolitiker von einer Krankheit niedergestreckt werden, und das um so mehr, wenn es sich um einen so populären Mann wie Genscher handelt.

Freilich zählt zu diesen Regeln auch: Weder Sympathie noch Takt können verhindern, daß sogleich das Räderwerk der Spekulation mißtönend zu rattern beginnt. Wie lange ist er schon außer Gefecht, wer profitiert von seinem Ausfall, wer rückt in die Ämter ein, die vielleicht frei werden? Ein so wichtiger Politiker wie Genscher, FDP-Parteivorsitzender, Vizekanzler und Außenminister, ist auch davon besonders betroffen. Pardon wird nicht gegeben, vom Erschrecken bis zur kalten Analyse politischer Schwäche ist es nur ein Schritt.

Normalerweise verfahren Parteien in solcher Situation nach dem Palmström-Rezept, „daß nicht sein kann, was nicht sein darf“; die SPD hat sich jüngst nach dem Herzinfarkt Brandts daran gehalten. Auch bei Genscher mag sich keiner seiner Freunde vorstellen, daß er das Partei- oder das Regierungsamt abgibt, geschweige denn beide, und er selber mag es im Ernst wohl auch nicht.

Barbier von Sevilla

Die fixe Idee von der eigenen Unentbehrlichkeit ist die Lebenslüge mancher Politiker, die sie aufrecht erhält; bei Genscher ist sie inzwischen zur lebensgefährlichen Realität geworden. Im Winter 1977/78, nach dem Kieler Parteitag, hat er zum erstenmal für sechs Wochen aussetzen müssen, Kreislaufkollaps. Ende Januar dieses Jahres stellte der Arzt Herzrhythmusstörungen bei ihm fest, zwei Wochen Pause. Jetzt fürchten seine Freunde, daß seine Kur bis Mai dauert. „Fürchten“ – sie hoffen es fast, denn stets ist Genscher zu schnell wieder ins Geschirr gegangen; die Absicht, es langsam ansehen zu lassen, hat nie vorgehalten. So hat er sich, kaum wieder im Dienst, in den Berliner Wahlkampf gestürzt, mit dem sicheren Instinkt, daß dort das Schicksal der FDP auf Messers Schneide stehe und daß es auf ihn ankomme – eine nicht ungewöhnliche Situation in den letzten Jahren.