Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, der ihm dauerhaften Ruhm und dauerhafte Feindschaft eingetragen hat, wurde bald nach der Jahrhundertwende konzipiert. In autobiographischen Mitteilungen schreibt der Autor: „Den Roman des bürgerlichen Deutschen unter der Regierung Wilhelms II dokumentierte ich seit 1906. Ich brauchte sechs Jahre immer stärkerer Erlebnisse, dann war ich reif für den ‚Untertan‘... Beendet habe ich die Handschrift 1914, zwei Monate vor Ausbruch des Krieges – der in dem Buch nah und unausweichlich erscheint ...“ Als der Roman nach der in ihm vorausgesagten Niederlage veröffentlicht wurde, erreichte er sofort Massenauflagen.

Im „Untertan“, der nicht nur mit dem Kunstmittel der Satire gestaltet ist, nahm Heinrich Mann Abschied vom liberalen Bürgertum des XIX. Jahrhunderts. Mit der Figur seines „Helden“ Diederich Heßling hat er – wir gebrauchen seine Worte –: „Die Vorgestalt des Nazi“ enthüllt, der das Zeitalter für Jahrzehnte prägen würde. Daher sind prophetisch Probleme vorausgesagt, deren Bedeutung erst viel später verstanden wurde: die umstrittene Frage der „Kollektivschuld“ beispielsweise. Heßling zeigt schon als Schulknabe Eigenschaften, die, voll entfaltet, Kennzeichen des Nationalsozialismus sein werden. Er tut sich hervor bei der Mißhandlung des einzigen jüdischen Mitschülers. „Was Diederich stark machte, war der Beifall ringsum ... Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv war!“

Vieles geht in diesem vorahnenden Roman über den Alltag des Wilhelminischen Reiches hinaus. Heßlings wollüstiges Erschauern, als ein unbewaffneter Arbeiter fast grundlos von einem Soldaten erschossen wird, gehört zu den Extremfällen. Man wird es 1912 für überspitzt gehalten haben, jemanden dadurch zu charakterisieren, daß man ihn nach einer solchen Gewalttat „schnaufend von innerer Bewegung“ ausrufen ließ: „Für mich hat der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches. Daß da einer der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf der Straße! Bedenken Sie: mitten in unserem bürgerlichen Stumpfsinn kommt so was Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“ Zur Gewohnheit wurde solche Gesinnung erst rund drei Jahrzehnte später.

Bei dem von Karrieristen und Geschäftemachern provozierten Majestätsbeleidigungsprozeß, Kernstück der Handlung, in dem Heßling als Hauptbelastungszeuge hervortritt, bezeichnet der skeptische, liberale Rechtsanwalt Buck den forschen, deutsch völkischen Untertanen, der sich zu einer Hauptgefahr für Deutschland und die Welt auswächst: „ ,Wie er’, sagte Buck, ‚waren zu jener Zeit viele Tausende, die ihr Geschäft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezählen. Die Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen und wären sie zwei Drittel der Nation

Die Untertanen, die stets ihre nationale Gesinnung hochspielen, halten Reden wie „Kreuzritter“. Damals hieß der „Erbfeind“ Frankreich, und Deutschland war das machtvolle Bollwerk gegen die von Westen andringende „Schlammflut der Demokratie“. Vorzeichen und „Erbfeinde“ konnten im Bedarfsfalle mühelos ausgewechselt werden. Der gleichgeschaltete Untertan war leicht umzuschalten. Seine Substanz blieb erhalten: „Die Verehrung der Macht.“ Der profitable Gehorsam; die karrierefördernde Gesinnung, das prämierte Denunziantentum.

Das Gespür Heinrich Manns für die Untertanenmentalität ist erstaunlich. Manches reicht auf nicht voraussehbare Weise in unsere Tage hinein – und zwar auch bezogen auf die andere Seite, wo die Macht sich verabsolutiert hat. Man liest mit Erschrecken den Satz: „Dann kann es geschehen, daß über das Land sich ein neuer Typus verbreitet, der in Härte und Unterdrückung nicht den traurigen Durchgang zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des Lebens selbst...“ Der Untertan und der Parteifunktionär als Geschwister. Beider Hauptfeind ist die Aufklärung, der Freisinn. Im Roman ist der Feind verkörpert in der „beleidigenden Menschlichkeit“ des alten Buck (dem Vater des schwächlichen liberalen Anwalts). Der Alte, ganz XIX. Jahrhundert, war Vorkämpfer der bürgerlichen Revolution von 1848. Er zehrt von dem Ruhm, damals zum Tode verurteilt worden zu sein. Seine Generation steht dem Untertanen noch im Wege. Für Heßling war er: „der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern!“. Mit dem Sieg des Untertanen dankt das Zeitalter der Aufklärung ab.

Das Vokabular, dessen sich Heinrich Mann zur Kennzeichnung der Wilhelminischen Epoche bediente, mutet uns 70 Jahre nach, dem Entwurf noch und wieder vertraut an. „Deutschland erwache“ gehörte bereits zum Sprachschatz der Untertanengesellschaft. Auch die Warnung: „Der Umsturz erhebt sein Haupt“. Die „Zuchtlosigkeit“ muß bekämpft werden. Und der „aus dem Schlummer gerüttelte Bürger“ ist „erwacht zum berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste Volk Europas und der Welt zu sein...“. Die Sprache verrät, daß wir uns noch im Zeitalter befinden, das durch den „Untertanen“ geprägt worden ist. Alfred Kantorowicz

Heinrich Mann: „Der Untertan“; dtv 256, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1978; 368 S., 6,80 DM