Von Wolf gang Olzem

Moskau

Am 23. Februar 1979 bekam sie Familienzuwachs. Als Irina Rodnina, die berühmteste Eiskunstläuferin der Welt, die Moskauer Prominentenklinik Nr. 72 mit einem prächtigen Jungen verließ, wurde sie sofort wieder mit der Frage konfrontiert: Und was ist mit den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid?

Irina Rodnina gab die Antwort unmißverständlich schnell: sie wolle mit ihrem Ehemann Alexander Saizew im Paarlauf noch einmal dabeisein. Und wer dieses kleine Energiebündel kennt, der weiß, was sie damit meinte: sie wolle es den neuen Eiskunstlauf-Paaren, bei denen es an Harmonie fehle, noch einmal zeigen. Und sie würde versuchen, die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten, Sonja Henie, mit einem Sieg noch zu übertreffen.

Das ist ihr zuzutrauen; denn die Paarlauf-Entscheidungen der europäischen Kunstlauf-Elite in Zagreb entpuppte sich als unfreiwilliger Beitrag zum Jahr des Kindes – und bei den jetzt beginnenden Weltmeisterschaften von Wien wird es nicht anders sein: der Paarlauf stagniert, weil die Kinderpartner dazu benutzt werden, auf Kosten der Harmonie akrobatische „Schwierigkeiten“ zu demonstrieren.

In Zagreb zum Beispiel, bei den vergangenen Europameisterschaften, wurde die erst vierzehnjährige Marina Tscherkassowa von ihrem sechs Jahre älteren und zwanzig Zentimeter größeren Partner Sergej Schachrai auf jenes Siegerpodest geliftet, auf dem zehn Jahre nacheinander mit Irina Rodnina eine „Persönlichkeit“ stand. Viermal war sie dabei (in Welt- und Europameisterschaften) mit ihrem ersten Partner Alexej Ulanow und sechsmal mit ihrem jetzigen Ehemann Alexander Saizew international erfolgreich gewesen. Und nun deutet sich zum Abschluß ihrer großen Sportkarriere ein dritter Olympia-Sieg an.

In Zagreb blieben beim Paarlauf-Finale die Stuhlreihen des Publikums weitgehend leer. Und nichts charakterisierte die internationale Paarlauf-Szene deutlicher als die eskalierende Musik „Der fröhliche Zug“: Die Paarläufer rasten im D-Zug-Tempo sozusagen in einen Sackbahnhof.