Von Karl Dedecius

Allen Gerüchten zum Trotz: Der literarische Dialog zwischen Polen und Deutschen hält an. Es genügt zu bedenken, was den Polen bei uns in den 20 Jahren seit 1959 literarisch alles geglückt ist, um daraus auf eine exemplarische Rezeption – nämlich auf die Qualität, nicht auf die Quantität bezogen – zu schließen. Die Lyrik von Zbigniew Herbert und Tadeusz Röiewicz erreichte höchste Ehrungen, die Prosa von Andrzejewski, Gombrowicz und Bruno Schulz die größte Wertschätzung, die Werke von Janusz Korczak und Leszek Kolakowski durch den Frankfurter Friedenspreis internationales Ansehen, die Aphoristik von Stanislaw Jerzy Lee weltweite Nachahmung: Allein in der Bundesrepublik gab es rund 30 Auflagen mit 250 000 Exemplaren seiner Bücher, abgesehen von der Publikationswelle des wiederentdeckten Aphorismus – etwa 20 Buchausgaben deutscher „Lee-Nachfolger“ und „Schüler“. Ein ebensolches Phänomen ist die ungewöhnliche Verbreitung der science-fiction-Bibliothek (bei Suhrkamp/Insel inzwischen rund 20 Bände) des Stanislaw Lem.

Blütezeit der Germanistik

Nicht alle Deutschen lesen polnische Bücher – natürlich: Die Gemeinde der polonophilen Kenner wird immer klein sein, dazu ist diese Literatur viel zu hermetisch, was ihre Zielgruppe und ihre Zielsetzung betrifft. Aber es lesen ja auch nicht alle Polen deutsche Autoren. Betrachtet man aber die Sache volkswirtschaftlich-statistisch, so steht es um den deutsch-polnischen literarischen Warenaustausch gar nicht schlecht – besser sogar als um die Handelsbeziehungen: Die Bilanz des literarischen Austausches ist fast ausgeglichen. Nach polnischen. Erhebungen (Zbigniew Wasilewski, „Literatura“ Nr. 22/23/1977, Warschau) hat sich der kleine belletristische Grenzverkehr zwischen Polen und der Bundesrepublik in den letzten Jahren bei jährlich 20 bundesdeutschen Übersetzungen aus dem Polnischen und bei 22 polnischen Übersetzungen von Büchern aus der Bundesrepublik eingependelt. (Die polnischen Übertragungen beziehen allerdings eine stattliche Zahl klassischer, älterer Autoren ein, wogegen sich die deutschen Übersetzungen auf Titel der unmittelbaren Gegenwart beschränken.)

Nach dieser Bilanz werden jährlich in der Bundesrepublik (20 Titel) fast doppelt so viele polnische Bücher übertragen wie in Frankreich (4,5), den USA (6) und Großbritannien (3) zusammengenommen.

Zählt man DDR, Schweiz und Österreich dazu, so gibt es zur Zeit in deutscher Sprache insgesamt doppelt so viele Werke polnischer Gegenwartsliteratur (Index 1945–1974: 1016 Titel) zu lesen wie im Russischen (etwa 500). Man müßte schon die Übersetzungen in alle 23 Sprachen. der Völker der Sowjetunion bemühen, um im gleichen Zeitraum an die Zahl 1000 (polnische offizielle Bibliographie der Nationalbibliothek) heranzukommen.

Allerdings: die Verbreitung der einzelnen Werke ist in Polen (sicherlich auch in der Sowjetunion) größer als bei uns: Es werden dort höhere Auflagen gedruckt, die binnen kurzem vergriffen sind. Das liegt möglicherweise an der Auswahl und an den Lesegewohnheiten. Während im Ostblock ein starkes Interesse an unserer Literatur jeder Art besteht, haben wir uns auf die experimentelle, komplizierte, formal und inhaltlich schwerer zugängliche Literatur der Polen kapriziert – mit kleinen Ausnahmen.