In den sechziger und siebziger Jahren machten eine ganze Serie aufsehenerregender Pleitefälle in der Bundesrepublik Schlagzeilen – wenn auch keiner der gescheiterten Unternehmer so rasch aufgestiegen ist wie Glöggler.

  • Carl F. W. Borgward (1890–1963) ging 1961 mit seinem Automobilunternehmen in Bremen in Konkurs, nachdem er noch ein gutes Jahr vorher in die Sanierungsgespräche bei BMW eingeschaltet war. Eine beträchtliche Kreditspritze Bremens war umsonst.
  • Die Gruppe des Selfmademan Willy H. Schlieker, die er nach 1945 aus Eisenhandelsunternehmen, Spezialwalzwerken und einer Schiffswerft in Hamburg ausgebaut hatte, zerbrach 1962 an einer akuten Liquiditätslücke von nur zwanzig Millionen Mark. Die Banken ließen Schlieker im Stich. Er zog sich in das oberbayerische Ramsau zurück, engagierte sich im Tourismus und ist, 65jährig, nach wie vor als Unternehmensberater in mancherlei Geschäften gefragt.
  • Zwei Nachfolgeunternehmen des legendären Stinnes-Konzerns, die Gruppe „Hugo Stinnes Persönlich“ des Hugo Stinnes junior und die „Hugo Stinnes OHG“ seiner Mutter Cläre und seines Bruders Otto, gerieten 1963 ins Trudeln. Die OHG mußte Vergleich anmelden, Hugo Stinnes seine wertvollsten Unternehmen verkaufen. 1971 ging dann die restliche Gruppe „Stinnes Persönlich“ in Konkurs. Hugo Stinnes senior 1870–1924) hatte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik einen Mammutkonzern auf-;ebaut, der auf seinem Höhepunkt 1535 juristisch selbständige Firmen mit 2888 Betriebstätten umfaßte. Nach seinem Tod mußten die Erben, um einen Zusammenbruch abzuwenden, imerikanisches Kapital aufnehmen. Die deutschen Anteile an der Hugo Stinnes Corp. wurden 1957 zurückgekauft, die Nachfolgegesellschaft Hugo Stinnes AG gehört heute zum Veba-Konzern.
  • Der Finanzmakler Rudolf Münemann, der Anfang der sechziger Jahre auch ins Bankgeschäft vorgestoßen war und große Publicity hatte, mußte 1970 aufgeben: Sein restliches Finanzimperium brach zusammen, als eine extreme Situation am Geld- und Kapitalmarkt seinem Schuldscheindarlehen-System („Aus kurz nach lang“) endgültig den Todesstoß versetzte. Aber er hatte sich vorher bereits mit manchen Transaktionen übernommen und dadurch seine Eigenmittel geschmälert. Bei den Insolvenzen Schliekers und Stinnes’ hatte sich Mundmann vergeblich als Sanierer versucht. Heute lebt der Siebzigjährige zurückgezogen in München.
  • Viel Aufsehen erregte 1973 der Zusammenbruch der Wetterstein-Gruppe des Münchner Baulöwen Josef Hubmann. An die 16 000 meist alte Anleger verloren schätzungsweise hundert Millionen Mark, mit denen sie sich gutgläubig in Hubmanns Seniorenheim-Projekte eingekauft hatten. Hubmann mußte sich vor Gericht verantworten und wurde 1977 zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Auch die Bauträger Heinz Mosch und Josef Kun sind neben vielen anderen von der Bildfläche verschwunden.
  • Der bekannteste Aktienjongleur der Nachkriegszeit, der frühere Bremer Holzhändler Hermann D. Krages, mußte 1962, als ihm das Wasser bis zum Hals stand, den größten Teil seines auf Kredit erworbenen Aktienbesitzes verkaufen. Sein Vermögen schmolz zusammen. Im vergangenen Jahr geriet auch seine ihm verbliebene Firmengruppe in Schwierigkeiten, und er mußte seine Beteiligung bei der Schering AG abstoßen. In den letzten Wochen hat ihn ein Banken-Pool dazu veranlaßt, sich von weiteren Aktien im Wert von 140 Millionen Mark zu trennen, um seine Schulden abzutragen. Man hofft, daß dies zur Sanierung der Gruppe ausreicht.

Pleiten sind heute fast immer mit dem Appell an den Staat verbunden, um der Arbeitsplätze willen durch Kredit, Bürgschaft oder direkte Kapitalbeteiligung zu helfen. Kein Fall hat die Problematik des Zweckbündnisses zwischen Staat und Wirtschaft zur Rettung von Arbeitsplätzen so klar gezeigt wie Glögglers Sturz. Dennoch ist der Fall Glöggler zumindest in dieser Hinsicht keine Ausnahme: Auch die Textilgruppe van Delden brauchte im letzten Jahr öffentliche Hilfe, die Werften nehmen sie und jeder andere Industriezweig, der das Arbeitsplatzargument als Druckmittel einsetzen kann. Der andere, nicht weniger umstrittene Ausweg: die „Sanierungsfusion“ (wie im Fall Neckermann/Karstadt), die wegen der damit verbundenen Einschränkung des Wettbewerbs aber ebenfalls die Interessen der Öffentlichkeit berührt.