Von Raimund Hoghe

Ehesitten, Folge 1. Ein Mann und eine Frau auf dem Weg zum Picknick. Der Mann selbstbewußt, rundlich, Zylinder auf dem Kopf, Pfeife im Mundwinkel. Ein paar Schritte hinter ihm die Frau in gebeugter Haltung, kraftlos zu Boden sehend, beladen mit Picknickkorb, Tasche und Jacke des Ehemannes. Mögliche Klagen der Beladenen wehrt der mürrische Patriarch selbstherrlich ab: "Ich habe dich geheiratet, um mein Leben angenehm zu gestalten, und es gibt nichts, was mir so sehr Spaß macht wie gar nichts zu tragen." Honoré Daumier zeichnete diese Szene 1839 für den "Charivari". Fünf Jahre später erschien in der satirisch-literarischen Zeitung auch seine Serie "Die Blaustrümpfe". Auf einem der Blätter ist wiederum eine Frau in gebeugter Haltung zu sehen. Diesmal sitzt sie schreibend an; einem Tisch. Ihrer chaotischen Umgebung, verstreut herumliegenden Gegenständen, einem mit dem Kopf in einer Wanne steckenden strampelnden Kind, wendet sie den Rücken zu. Unterzeile des Bildes: "Die Mutter steckt im Feuereifer der Komposition, das Kind steckt im Wasser der Badewanne."

Nur wenige Meter voneinander entfernt hängen die beiden, so unterschiedliche Standorte markierenden Blätter jetzt im Rheinischen Landesmuseum Bonn: als Bestandteil der in Zusammenarbeit mit dem Westfälischen Landesmuseum Münster erarbeiteten Ausstellung "Bildwitz und Zeitkritik", die mit rund vierhundert Arbeiten umfassend über das in Zeitschriften erschienene Werk des Bildpublizisten Daumier informiert und Einblicke ermöglicht unter anderem in Widersprüche, Zwänge, Vorurteile bürgerlichen Lebens, denen sich auch der Bürger Daumier nicht vollständig entziehen konnte – was etwa in seinen Folgen über "Die Blaustrümpfe", "Die Scheidungsrechtlerinnen" oder "Die sozialistischen Frauen" deutlich wird. Honoré Daumier übernimmt hier die nicht nur zu seiner Zeit gängigen Argumente gegen Emanzipation und Befreiung der Frau und erinnert die Aufbegehrenden an ihre "heiligsten Pflichten" als Ehe-, Haus- und Putzfrau – vergessen scheinen vom Zeichner Abhängigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung der Frau im (Ehe-)Alltag, die der engagierte Republikaner ja erkannt und in anderen Serien kritisch dokumentiert hatte.

Daß sie auch Widersprüchliches im Werk aufdeckt, ist eine der Qualitäten der Ausstellung. Eine andere: anläßlich des 100. Todestages nicht einmal mehr das Denkmal (und Spekulationsobjekt) zu präsentieren, sondern den auf politische, soziale, kulturelle Verhältnisse, Ereignisse, Mißstände reagierenden Zeichner Daumier, dessen Lithographien in Massenauflagen veröffentlicht wurden. So galt auch das Interesse der Ausstellungsmacher nicht dem seltenen Probeabzug, sondern den auf einfachem Papier abgezogenen üblichen Pressedrucken. "Es ging uns darum", notiert Gerhard Langemeyer in dem mit Abbildun-, gen aller ausgestellten Arbeiten ausgestatteten umfangreichen Katalog, "das Werk so vorzuführen, wie es dem damaligen Publikum gegenübertrat". Und das geschah nun einmal in Zeitungen. Denn als Honoré Daumier 1879, 70 Jahre alt, fast blind, keineswegs vermögend starb, hatte es erst eine Einzelausstellung und zwei eingehendere Untersuchungen über sein allein viertausend Lithographien umfassendes Werk gegeben, die eine von Champfleury, die andere von Baudelaire.

Baudelaire sah in Daumier "einen der wichtigsten Männer nicht nur der Karikatur, sondern der modernen Kunst überhaupt", und stellte in seinem 1857 publizierten Essay über Daumier fest: "Keiner kannte und liebte wie er (nach Künstlerart) den Bürger, diese letzte Spur des Mittelalters, diese Ruine der Gotik, diese so gewöhnliche und zugleich so ungewöhnliche Figur. Daumier hat mit ihm intim zusammengelebt, er hat ihn Tag und Nacht belauert, er hat die Geheimnisse seines Alkoven erlauscht, er hat sich mit seiner Frau und seinen Kindern angefreundet, er kennt die Form seiner Nase und den Bau seines Kopfes, er weiß, von welchem Geist das Haus von oben bis unten erfüllt ist."

Entsprechend genau die Zeichnungen. Daumier seziert das Leben des Bürgers und deckt die vom Alltag geschlagenen Wunden auf. Ängste und Illusionen treten hervor, Selbstherrlichkeit und Erbärmlichkeit, Hoffnungen und zerstörte Träume, die Enge des kleinbürgerlichen Lebensraumes und die zaghaften Ausbruchversuche, der Sonntagsausflüge, bei denen man dann doch nicht der Misere entfliehen kann. Wenn Daumier etwa den Städter auf dem Lande oder den aus der Provinz kommenden Paris-Touristen porträtiert, läßt sich die Vergeblichkeit und das klägliche Scheitern der Fluchtversuche nicht übersehen. Denn auch außerhalb der gewohnten Umgebung bleibt der Kleinbürger bestimmt von den Konventionen. Am Ende erfährt er nur einmal mehr die längst alltägliche gewordene Entfremdung – zum Beispiel der Städter, der mit der Natur nichts mehr anfangen kann.

"Harmlos" und "humorig" wurden die Genrekarikaturen Daumiers oft genannt und in Gegensatz gestellt zu den ausgesprochen politischen Blättern, die als kritisch und analytisch gelobt wurden. Die Ausstellung korrigiert diese Einschätzung und läßt bei der Gegenüberstellung der verschiedenen Themenbereiche sehr klar erkennen, daß es keinen Rückzug ins unverbindlich Private bedeutete, als sich der von der Zensur immer wieder verfolgte und betroffene Daumier zeitweise von tagespolitischen Themen und Konflikten abwandte, abwenden mußte. Daumiers Lithographien über den Alltag seiner Zeitgenossen vermitteln schließlich sehr klar und differenziert, wie gesellschaftliche Verhältnisse das sogenannte Private bestimmen, Menschen und Beziehungen zerstören können. Daß die Betroffenen sich dieses Einflusses und ihrer Bedrohung meist nicht bewußt sind, registriert Honoré Daumier nicht ohne Trauer. Einmal skizziert er beispielsweise ein aus dem Fenster sehendes älteres Ehepaar, das sich über den Abbruch der Nachbarhäuser freut, weil nun ihr armseliger Blumentopf auf der Fensterbank Sonne bekommt. "Ich werde endlich erfahren, ob’s ein Rosenstock oder eine Levkoje ist." Was das Schlafmützen tragende Ehepaar übersieht: daß die eigene Wohnung vom Abbruch ebenso bedroht ist wie die bereits zerstörten Häuser.

Mit "Actualités" überschrieb Honoré Daumier eine ganze Reihe seiner Zeichnungen. Mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung oft erschreckend; ihre Aktualität. Da kritisiert Daumier, etwa Wohnungsmißstände und Kinderfeindlichkeit, die auch heute noch nicht Vergangenheit sind: Einer schwangeren Mieterin wird vom erbosten Hausherrn die Wohnung gekündigt, einer anderen Frau mit Kind wird vom Concierge mitgeteilt: "Zwecklos, Ihnen meine Wohnung zu zeigen! Wir vermieten nicht an Mütter mit Kindern." Und vertraut kommt einem auch die nur zu oft unverständliche Juristensprache vor, durch die gerade die auf Hilfe angewiesenen sozial Schwächeren benachteiligt werden. Daumier attackiert diese Diskriminierung, wenn er eine im Türrahmen stehende einfache Frau mit zwei Herren der Justiz konfrontiert und die Juristen zitieren läßt: "... und zu seiner so ausgewiesenen Hausmeisterin sprechend, habe ich dieser bedeutet, daß er besagter Vorladung Folge zu leisten habe und daß er im Falle schuldhafter Unterlassung mit allen Rechtsmitteln dazu gezwungen werde, und habe ihr, wie oben erwähnt sprechend, eine Abschrift des Vorliegenden hinterlassen ... – Wie! Wie oben erwähnt sprechend ... wie oben erwähnt wer ... wie oben erwähnt was?" – bei Honoré Daumier gelingt es eben auch nicht den Juristen, ihre Fassaden aufrechtzuerhalten. Daumier entlarvt sie – wie all die andern, die ihre Rollen so gut geübt haben und doch nicht verbergen können, daß sie etwas verloren haben: das eigene Leben. (Rheinisches Landesmuseum bis 8. April, anschließend unter anderem in Graz, Hamburg, Hannover, Darmstadt, Nürnberg, Tübingen, Katalog 15 Mark.)