Ein „Lebenslänglicher“, der seit 14 Jahren im Gefängnis ist, berichtet

Von Walter Suter

Krachend werden draußen an meiner Tür die Riegel zurückgeschoben. Schlaftrunken springe ich aus dem Bett. Mit dem großen Schlüsselbund rasselnd sperrt ein Beamter meine Zelle auf. „Suter, geh’n Sie zur Zentrale“, befiehlt er mir mit unbewegtem Gesicht. Eilig schlüpfe ich in meine Kleider und haste den langen Flur entlang. Nach dem Unterschreiben bekomme ich einen amtlich aussehenden Brief. Wieder im Haftraum reiße ich den Umschlag auf. Die wenigen Worte besagen, daß meine Revision „als unbegründet“ verworfen wurde. Langsam dämmert mir die Tragweite dieses Schreibens: mein Urteil ist rechtskräftig. Bisher hatte ich krampfhaft auf einen neuen Prozeß gehofft. Jetzt bin ich unabänderlich zum Lebenslänglichen geworden.

In den letzten Wochen hatte ich beim Rundgang im Hof mit mehreren Lebenslänglichen gesprochen. Einer war schon 24 Jahre im Zuchthaus, er schien keiner menschlichen Regung mehr fähig zu sein. Ein anderer brachte es sogar auf 28 Jahre; mit ihm konnte man lediglich über seine kleine Welt hinter Gittern reden, während er apathisch auf eine unwahrscheinlich gewordene Begnadigung wartete. Nun war mir dasselbe Schicksal beschieden.

Das war meine Situation im Sommer 1967, nach zweijähriger Haft. Hinter mir lagen 805 Tage, die eintönig verlaufen waren. Durch eine seelenlose Bürokratie und eine starre, kleinliche Hausordnung fühlte ich mich bis in meine innersten Bereiche hinein verwaltet. Meine Häftlingsnummer 8859 bestätigte mein Aufgehen in der grauen Masse jener 1200 Gefangenen, die damals im Zuchthaus Straubing ihre Strafe verbüßten. Ausnahmslos alle Insassen galten als gefährliche, unberechenbare Verbrecher; den Beamten waren nur Gespräche „dienstlicher Natur“ mit uns erlaubt. Unter solchen Bedingungen glaubte ich, nicht lange leben zu können.

Quälende Fragen

Mühsam schleppte ich mich nach dem Klingelzeichen in die Druckerei. Meine Hände arbeiteten automatisch: ich zog eine Klammer aus dünnem Stahlblech in neue Schnellhefter ein. Mein Blick ging ins Leere; vor mir stand ständig der Satz aus meinem Urteil: „Wird wegen eines Verbrechens des Totschlags zu, lebenslangem Zuchthaus, verurteilt.“ Mit niemandem konnte ich darüber reden. Während des Tages brach ich zusammen. Man führte mich in die psychiatrische Abteilung. Völlig nackt lag ich in einer Zelle mit einem unzerbrechlichen Fenster. Ich versuchte, meine Pulsadern aufzubeißen. Bald blutete ich heftig. Im Laufe der Nacht verlor ich das Bewußtsein.