Seit Oktober 1978 gehöre ich zu einer angeblich privilegierten Gruppe, die sich auf Kosten des Steuerzahlers einen mehr oder weniger faulen Lenz macht. Genauer, ich studiere an der FU Volkswirtschaft. Das Abitur ohne offensichtliche Komplikationen bestanden, froh, dem immer unerträglicher werdenden Schulalltag entronnen zu sein, der zunehmenden Resignation und politischen Uninteressiertheit der meisten Mitschüler (typischer Spruch: „Die Verhältnisse sind natürlich katastrophal, aber was soll ich einzelner daran ändern“), den Kopf voller Idealismus und Hoffnungen, kam schließlich der Tag der ersten Vorlesung. Der größte Hörsaal im Fachbereich war zu zwei Dritteln besetzt, was in absoluten Zahlen 300 Studenten heißt. Die Kommunikation mit dem Dozenten beschränkte sich auf wenige Teilnehmer in den ersten Reihen, die die Angst, aus einer großen Gruppe zu sprechen, ziemlich schnell ablegten, was sie selbstverständlich in den Ruf von potentiellen Karrieristen brachte. Die Tutorien, sofern sie nicht zu abstrusen Zeiten wie etwa von 18 bis 20 Uhr stattfanden, brachten ein ähnliches Bild. Verkleinerte Vorlesungen mit Tutoren, die die zunehmende Apathie der Studenten mit voller Wucht zu spüren bekamen und bekommen, die aber nichts tun, als den Stoff der Vorlesung, die eine solche im wahrsten Sinne des Wortes ist, aufzubereiten.

Die hochschulpolitischen Gruppen, wo und was sind sie? Sie sind höchstens Oasen in einer ziemlich ausgedehnten Wüstenlandschaft. Die meisten geben sich total unpolitisch, um nur keinen zu verprellen. Der Erfolg? Ich habe eine Zeitlang mit höheren Semestern, die zum großen Teil der ADS, der Aktionsgemeinschaft für Demokraten und Sozialisten, angehörten, zusammengearbeitet. Hier versucht man, aus den Erstsemestern soviel Freiwillige zusammenzubekommen wie möglich, um sie zu einer Initiative zu organisieren, die dann gegen die unzumutbaren Studienbedingungen angehen sollte. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die 10 bis 15 Leute, die auf diesem Wege schließlich gefunden wurden, waren keine Marionetten irgendwelcher subversiven Elemente, die unter dem Tarnnamen ADS die ach so heile Hochschulidylle zu zerstören trachteten. Meine ADS-Arbeit hat mir geholfen, meine Unsicherheit zu bekämpfen, mein Selbstwertgefühl ein Stückchen zu heben. Doch, der Erfolg der Gruppe blieb aus. Die Mehrheit arrangierte sich zunehmend mit den Verhältnissen,

Warum dieser Rückzug ins Private, der keine Erfindung subjektiver Berichterstatter ist, sondern objektiv eine Tatsache? Der Hauptgrund dürfte auf psychologischer Ebene liegen, ohne den Radikalenerlaß oder das geplante Ordnungsrecht für die Berliner Universitäten verharmlosen zu wollen. Es ist die Unfähigkeit vieler, ihre Sorgen und Nöte zu artikulieren, sich anzuvertrauen, ohne die Angst zu haben, nicht verstanden zu werden. Es ist die Einsamkeit innerhalb einer schon nicht mehr überschaubaren Masse, das Verlangen, nur nicht aufzufallen, während man gleichzeitig die Isoliertheit als quälend empfindet. Meine Verwunderung war schon grenzenlos, als sich in der Mensa jemand an meinen Tisch setzte, an dem ich gesenkten Hauptes die immer gleich schmeckende Suppe löffelte, und mir guten Tag wünschte, und beim Weggehen „Wiedersehen“ sagte. Daß ich auf solche an sich normalen und alltäglichen Dinge derart verdattert reagierte, hat mir gezeigt, wie negativ sich meine Vorstellungen in knapp vier Monaten verändert haben.

Sobald nur die Luft des Fachbereichs in meine Nase dringt, setze ich eine mürrische Miene auf, die anderen sicher als arrogant erscheint. Ich lache mit, obwohl es überhaupt nichts zu lachen gibt. Ich sehe die Aggressivität und Arroganz anderer sehr klar und deutlich, genau wissend, daß ich sie selbst nicht auslebe (aus Hemmung? aus Rücksichtnahme?), sondern sie in mich hineinfresse. Doch selbst Depressionen, so berechtigt sie sein mögen, stumpfen ab, werden nichtig, angesichts Hunger und Krieg, angesichts von Menschen in U-Bahnen, die fast alle ihr Plastikgesicht aufgesetzt zu haben scheinen, und Politikern, die von Hoffnungen reden, obwohl sie alles tun, um sie zu zerstören. Man kann dies alles natürlich auch ganz anders sehen. Optimistischer. Ich sehe es so. Wolfgang Weber

(Nachdruck aus DER TAGESSPIEGEL, Berlin)