Von Rolf Michaelis

Ein Traum, was sonst?" Mit dieser Frage antwortet, am Schluß von Kleists Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg", eine der fest im Diesseits stehenden, gerade deshalb für das Jenseits der Sehnsucht empfänglichen Gestalten, der alte Obrist Kottwitz, auf die Frage des Prinzen: "Nein, sagt! Ist es ein Traum?"

Ähnlich rätselhaft, mit Fragen auf Fragen antwortend – die Erzählung von Christa Wolf, in der Heinrich von Kleist männliche Hauptfigur ist –

Christa Wolf: "Kein Ort. Nirgends"; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1979; 151 S., 18,– DM.

Ein Traum, was sonst? Die am 18. März 1929 in Landsberg/Warthe geborene Erzählerin stellt sich/uns vor: Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode, Traumpoeten des in blutiger Revolte endenden achtzehnten Jahrhunderts, die sich selber den Tod gaben, wären einander – was möglich war – 1804 begegnet.

In der Enttäuschung nach dem, Sturm auf die Bastille, der zu nichts als neuer Tyrannei geführt hat, läßt die Autorin aus der DDR ihre Vorläuferin klagen: "Ja, das ist wohl verständlich, daß wir dem Zwang, dem wir unterstellt sind, in Gedanken zu entfliehen trachten. In der Wirklichkeit ist es uns nicht erlaubt." Kleist darf ihr zustimmen: "Der Geheime Rat Goethe... preist mir die Vorzüge der neuen Zeit gegenüber der alten. Ich aber, Günderode, ich und Sie, denk ich, wir leiden unter den Übeln der neuen."

Da haben wir Ton, Thema, Trauer des neuen Buches von Christa Wolf: Von zwei bis zum Tod von eigener Hand aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen damaliger Zeit ausgestoßenen Schriftstellern sprechend, spricht die Erzählerin auch von ihrer Zeit, von sich, von uns. Selbst wenn die Anfänge dieser Erzählung über Ereignisse vor zweihundert Jahren in der unruhigen Zeit um 1968 zu suchen sind, kann man solche Sätze 1979 nicht lesen, ohne an Wolf Biermann und die Zwangsausbürgerung von Künstlern aus der DDR zu denken: "Ich fühle zu nichts Neigung, was die Welt behauptet. Ihre Forderungen, ihre Gesetze und Zwecke kommen mir allesamt so verkehrt vor... Sie wollte doch einmal darüber nachdenken, was es bedeute, daß die ernstesten, schmerzlichsten Dinge in einer Maskerade unter die Leute kämen; ob nicht eine schwere Krankheit des Gemeinwesens sich hinter so viel lächelnden Mündern verstecke."