Von Josef Joffe

München, im März

An Auszeichnungen für verdiente Bürger herrscht in der Bundesrepublik kein Mangel. Es gibt kaum noch verstorbene Politideren Namen nicht einen Preis oder eine Medaille ziert. Adenauer, Erhard, Heinemann, auch Wilhelmine Lübke wirken mittlerweilen postum mit, wenn es gilt, löbliches Verhalten öffentlich zu ehren.

Unter den vielen Auszeichnungen ragt zu Recht eine hervor, die am Sonntag zum 15. Mal verliehen worden ist: der Theodor-Heuss-Preis. Er ist nie ein "politischer Bambi", also ein glitzerndes Popularitätsabzeichen, gewesen – sonst hätte ihn nicht der allenthalben angefeindete Egon Bahr 1976 für seine Verdienste um die "Neue Ostpolitik" erhalten. Er ist auch kein Zusatz-Anhängsel für die Prominenz, die ohnehin schon im Rampenlicht steht: 1965 wurde der Theodor-Heuss-Preis an die "Aktion Sühnezeichen", 1974 an die Münchner "Initiativgruppe zur Betreuung ausländischer Kinder" verliehen – an Organisationen, die fern aller Ruhmessucht im stillen wirkten.

Auch wenn es die Benennung nach dem ersten (FDP-)Präsidenten der Bonner Republik vielleicht vermuten läßt – der Theodor-Heuss-Preis ist nie in Gefahr geraten, zum Gütesiegel liberaler Parteiprogrammatik zu werden. 1968 wurde Gustav Heinemann (SPD) ausgezeichnet, weil "er seine politischen Grundsätze höher achtete als seine Machtposition und aus Gewissensgründen auf sein Ministeramt (als Innenminister der zweiten Regierung Adenauer) verzichtete"; 1978 erhielt der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel (CDU) die Theodor-Heuss-Medaille, weil er der um sich greifenden Terrorismushysterie mit "Liberalität, Toleranz und Gerechtigkeit" entgegengetreten war. Im selben Jahr, nach Schleyer-Mord und Mogadischu, erhielt Helmut Schmidt den Heuss-Preis mit der Begründung: "Auch in schwersten Krisensituationen und Belastungen ist er... überzeugend für den Schutz und die Erhaltung unserer demokratischen Grundwerte eingetreten."

Mit dem Theodor-Heuss-Preis ist nicht Linientreue, sondern Leistung belohnt worden – über die ideologischen und parteipolitischen Gräben hinweg. Entscheidend waren dabei nicht die "schönen Worte", sondern das "Verhalten des einzelnen im Gegenstrom zum zunächst unaufhaltsam scheinenden allgemeinen Trend" – so Vorstandsmitglied Hildegard Hamm-Brücher vor einem Jahr.

In diesem Jahr – dem Jahr der ersten europäischen Direktwahlen – ging es um Leistung und Ausdauer im Kampf für Europa. Der Theodor-Heuss-Preis in Höhe von 10 000 Mark wurde der Stadt Castrop-Rauxel zuerkannt "für ihr fast dreißigjähriges Engagement in städtpartnerschaftlicher Zusammenarbeit mit Wakefield (England), Vincennes (Frankreich), Delft (Holland) und Kuopio (Finnland)". Städtepartnerschaften gibt es viele in diesem Lande; die Bürger von Castrop-Rauxel – sie hatten sich schon 1950 mit 96 Prozent der Stimmen für ein vereintes Europa entschieden – haben freilich dreißig Jahre lang dafür gesorgt, daß der Austausch nie zur organisierten Routine verfiel.