In der kommenden Woche werden die Konditionen bekanntgegeben, zu denen ein Bankenkonsortium unter Führung der Dresdner Bank die noch zu schaffenden Vorzugsaktien der Drägerwerk AG, Lübeck, einem interessierten Publikum anbieten will. Schon heute ist die Nachfrage nach diesen Papieren so groß, daß mit Sicherheit nicht alle Zeichnungswünsche befriedigt werden können.

Das Drägerwerk ist das vierte deutsche Unternehmen, das seit 1977 den Weg zur Börse sucht. Die Körperschaftssteuer-Reform mit ihrer teilweisen Beseitigung der Aktien-Doppelbesteuerung beginnt, ihre Wirkung zu zeigen. Da die bisherigen Neueinführungen zumindest für die Erstzeichner der Aktien erfolgreich verliefen, wächst das Interesse des Publikums von Neuemission zu Neuemission. Daß dies den Kreditinstituten Kopfschmerzen macht, ist verständlich. Denn nicht einmal sogenannte „gute Kunden“ erhalten ihre Zeichnungswünsche voll erfüllt. Dazu war das Volumen der angebotenen Aktien viel zu gering.

So bot die Herlitz AG (Büro- und Schulbedarf) in Berlin nur 23 Prozent ihres 13 Millionen Mark betragenden Aktienkapitals zur Zeichnung an. Bei einem Ausgabepreis für die jungen Aktien von 165 Mark erforderte das von der Börse den Minibetrag von 9,9 Millionen Mark. Im vergangenen Jahr stieg die Herlitz-Aktie bis 345 Mark und ist heute auf 290 Mark zurückgefallen. Wer von Anfang an dabei war, kann auf einen Kursgewinn von 125 Mark zurückblicken und hat daneben noch eine Bardividende von sieben Mark plus Steuergutschrift von 3,94 Mark kassiert. Das entspricht einer Rendite auf das eingesetzte Kapital innerhalb von rund 21 Monaten von gut 82 Prozent.

Im Dezember 1977 bot die Leffers AG (Textil-Einzelhandel) in Bielefeld 49 Prozent des 9,6 Millionen betragenden Aktienkapitals zur Zeichnung an. Bei einem Ausgabekurs von 152 Mark machte der Emissionsbetrag rund 14,3 Millionen Mark aus. Der Börsenkurs stieg im vergangenen Jahr bis 245 und gab bis heute wieder auf 233 Mark nach. Für 1977 wurde eine Dividende von sieben Mark plus 3,94 Mark Steuergutschrift gezahlt. Je Aktie trug der „Nutzen“ bisher 91,94 Mark. Oder für 16 Monate eine Rendite von etwa 60 Prozent auf das eingesetzte Kapital von 152 Mark.

Im Juni vergangenen Jahres kamen Aktien der Progress-Werk Oberkirch AG, Oberkirch-Stadelhofen (Baden), an die Börse, ein Unternehmen der Metallverarbeitung. Angeboten wurden 50 Prozent des 5,5 Millionen Mark betragenden Aktienkapitals. Die 50-Mark-Aktie wurde zum Kurs von 120 Mark in den amtlichen Handel eingeführt. Ihr Kurs stieg dann auf 169 Mark und liegt heute bei 143 Mark. Kursgewinn seither 26 Mark.

Auch wenn noch nicht bekannt ist, wie teuer die Vorzugsaktien der Drägerwerk AG sein werden (man spricht von 190 Mark), so können Sie, meine verehrten Leser, davon ausgehen, daß sich ihr Börsenkurs auch bei rückläufiger Allgemeintendenz zunächst einmal nach oben entwickeln wird. Ob es allerdings sinnvoll ist, den steigenden Kursen hinterherzulaufen, steht auf einem anderen Blatt. Aber zweifellos steckt in dem Papier viel Phantasie. Wenn die Börsenversionen stimmen, wonach die Dividende für 1978 auf sieben Mark festgesetzt werden soll, handelt es sich bei der Drägerwerk-Aktie keinesfalls um ein Renditepapier. Sie gilt vielmehr als die klassische Wachstumsaktie.

Das Drägerwerk gehört nämlich zu den international führenden Unternehmen der Medizin-, Atemschutz-, Umweltschutz-, Tauch- und Gasanalysentechnik, alles zukunftsorientierte Sparten. Sein heute noch 45 Millionen Mark betragendes Aktienkapital befindet sich im Besitz von Heinrich Dräger und Christian Dräger. Wenn die Familie den Übergang zur Publikumsgesellschaft über Vorzugsaktien vollzieht (wahrscheinlich ohne Stimmrecht), dann hat sie dabei sicherlich den Erhalt der Selbständigkeit im Auge. Es hat in der Vergangenheit wohl nicht an Angeboten großer Konzerne gefehlt, das Drägerwerk unter ihre Fittiche zu nehmen. Denn schließlich hat es eine Größenordnung, die für potente Unternehmen keine finanzielle Hürde darstellt.