Von Lothar Ruehl

Der russische Eisbär schwamm im Chinesischen Meer und spähte über den Golf von Tonking, ohne eine Chance zum Prankenhieb auf den chinesischen Drachen, der sich quer über die sechs nördlichen Grenzprovinzen Vietnams wälzte und den Zugang zum Hauptsiedlungsgebiet Vietnams in seine Krallen brachte. Dreizehn Kriegsschiffe der sowjetischen Fernostflotte waren aus Wladiwostok auf dem Seeweg zwischen China und Vietnam aufgekreuzt. Sie deckten einen von den rostigen Kriegsschiffen Chinas ohnehin nie gefährdeten Nachschubstrang nach Haiphong und beobachteten den Kriegsschauplatz. Sowjetische Aufklärungsflugzeuge überflogen das Kampfgeschehen. Vierundvierzig sowjetische Heeresdivisionen und drei Luftarmeen waren nahe der zehntausend Kilometer langen Nordgrenze zu China alarmbereit, und das Reich der Mitte lag im Schatten russischer Raketen – wie eh und je seit dem Bruch zwischen Moskau und Peking.

Drei. Wochen lang konnte die chinesische Armee seit dem Grenzübertritt nach Tonking ungestört Krieg in Vietnam führen und die Hauptstadt Hanoi aus nur hundert Kilometer Distanz mit einer breiten, massiven Front bedrohen, obwohl Moskau täglich Drohparolen gegen Peking ausgab, vor den Folgen einer Kriegsfortsetzung warnte und Leonid Breschnjew schließlich den Vergleich zu den „faschistischen Aggressoren“ bei Beginn des Zweiten Weltkrieges bemühte, mit der rhetorischen Frage, ob es nicht richtiger sein könnte – wie es nach seiner Ansicht vor 1939 gewesen wäre –, den Anfängen der Aggression zu wehren.

Die Antwort gab der sowjetische Staats- und Parteichef nicht – und er konnte sie auch nicht geben, von dem für die Sowjetunion zweischneidigen Beispiel des Jahres 1939 mit dem Stalin-Hitler-Pakt zur Teilung Polens ganz abgesehen. Die Antwort liegt im strategischen Dreieck Moskau–Peking–Washington beschlossen. Der russische „Polarbär“, wie die Chinesen den großen Nachbarn im Norden ihres Landes seit Mao vorzugsweise nennen, konnte zwar auf China einschlagen – mit einer von drei oder vier Varianten einer begrenzten Aktion –, doch er hätte damit einen internationalen Konflikt riskiert, dessen Ausgang von der amerikanischen Weltmacht hätte entschieden werden können.

Zwar war dieses Risiko dank der inneren Verfassung der Vereinigten Staaten seit dem Kriegsende in Vietnam vor vier Jahren und dank des Präsidenten an der Spitze in Washington gering, doch es blieb in einer akuten Krise unkalkulierbar. Ein Schlag gegen China, selbst zeitlich, räumlich und nach den Zielen begrenzt, bedeutete in der entstandenen Konfliktlage an der Nordgrenze Vietnams einen unverhältnismäßigen Aufwand. Er hätte eine Eskalation dieses Grenzkonfliktes in Gang gesetzt, die sich sehr leicht der russischen Kontrolle hätte entziehen können. Schließlich hätte er die Sowjetunion ihrerseits als einen politischen Risikofaktor im internationalen Kräftespiel und als Angreifer gegen andere Länder ausgewiesen.

Die „Friedensmacht“ Sowjetunion durfte sich von China durch den Angriff gegen Vietnam nicht provozieren lassen, solange dieser Angriff weder auf eine Eroberung noch auf eine landweite Verheerung Vietnams zielte. Nachdem die Chinesen von Anfang an glaubwürdig versichert hatten, daß sie nur einen begrenzten Konflikt in der Nähe der Grenze führen wollten und die Landesverteidigung Vietnams unter ihren ersten Stößen nicht eingebrochen war, hatte die Sowjetunion keinen Grund, ihr Ansehen, ihre Weltmachtposition, ihren außenpolitischen Einfluß und letztlich ihre eigene Sicherheit durch einen Vergeltungsschlag gegen China aufs Spiel zu setzen. Andererseits bedeutete diese Zurückhaltung nicht einfach einen Verzicht aus politischer „Weisheit“, sondern die Konsequenz aus der Situation, in der sich die Sowjetunion zwischen Nordamerika und China befindet.

Die chinesische Provokation gegenüber Moskau war wie der begrenzte Angriff gegen Vietnam selbst und dessen Auswirkungen auf Washington genau, sozusagen haarscharf, kalkuliert: Die Pekinger Rechnung ging auf, weil in der fernöstlichen Struktur eines strategischen Konflikts, so wie sie mit dem Rückzug der amerikanischen Militärmacht aus Südostasien entstanden ist, die „Eskalationsdominanz“, das heißt die beherrschende Macht zur Bestimmung der Bedingungen für die Fortsetzung des Konflikts, nicht in Moskau liegt, solange China nicht einen weiträumigen Angriffskrieg in Ostasien führt.