Kaum jemand weiß, wie reich gesegnet Westeuropa mit Naturschönheiten ist“, glauben die Klappentexter des Econ-Verlages, und diesem angenommenen Un-Wissen wollen sie dann mit

Felix R. Paturi: „Natur erleben in Europa“; Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien 1979; 363 S., 48 Mark

zuleibe rücken. „Das Buch ist so angelegt, daß sich Bild und Text harmonisch ergänzen“, wird mir noch versprochen, bevor ich mich über eine unsäglich primitive, mit Kreisziffern vollgekleisterte Übersichtskarte ins Innere dieses „Führers zu den eindrucksvollen Schönheiten der Natur am Rande europäischer Ferienstraßen“ vorblättere. Gleich beim ersten der insgesamt 247 teils schönen, teils banalen Farbbilder fühle ich mich in die Irre geführt: Da dampft der Vulkan Teneguia auf der Kanareninsel La Palma. Nun gut, die Kanarischen Inseln zählen zwar geographisch zu Afrika, politisch aber zu Spanien, also muß ich wohl das Primat der Politik anerkennen.

Etwas unruhig werde ich freilich, nachdem ich das ausführliche erste Kapitel über die Feuerberge Europas durch habe und weder in Bild noch Text auf das weltweit wohl aufregendste vulkanische Ereignis in den letzten Jahren gestoßen bin: Hat Paturi nichts vom Ausbruch des Eldfell auf der isländischen Insel Heimaey gehört, der im Januar 1973 die 5000-Seelen-Stadt Vestmannaeyjar zur Hälfte vernichtete? Gewiß hat er, er war nur nicht dort. Oder er hat zumindest kein Photo davon selbst geschossen, wie mir gegen Ende des Buchs dämmert: Was sonst als das Photoalbum des Autors kann für die mitunter kuriose Systematik dieses dickleibigen „Reiseführers“ verantwortlich sein? Da ist zwar von „Westeuropa“ die Rede, ein eingegrenzter geographischer Begriff, aber dieses Westeuropa reicht vom Nordkap und von Island bis zu den Kanarischen Inseln und nach Kreta. Also Europa westlich des Eisernen Vorhangs? Ja, aber dann fehlen sowohl Jugoslawien wie das kontinentale Griechenland, geologisch, geographisch und touristisch alles andere als Niemandsländer.

Paturi hatte sich vorgenommen, eine Brücke zwischen den trockenen naturwissenschaftlichen Berichten und den schwärmerisch-ungenauen Reiseschilderungen zu schlagen. Es ist ihm kaum gelungen: Er verbreitet wissenschaftlich groteske Aussagen („schließlich glauben viele Geologen heute, daß sich die Erde wie ein Ballon langsam aber ständig ausdehnt“), vermeidet gleichzeitig sorgfältig jeden Hinweis auf die seit zehn Jahren allgemein akzeptierte Basistheorie der Erdforscher, die Plattentektonik, und bringt dafür an anderer Stelle Plattes zur Sprache („Die Alpen in Österreich teilen sich in eine große Zahl einzelner Bergzüge“: Wer hätte das gedacht!).

Es genügt eben wohl doch nicht, nach einigen Reisen quer durch den Kontinent Zettelkasten und Photokiste locker zu mischen und das ganze – für viel Geld (48 Mark!) – als Führer zu den Naturschönheiten Europas zu verkaufen. Ärgerlich wird das an sich sehr reizvolle Vorhaben Paturis im letzten Drittel des Buches, in dem er endlos „Naturwunder in Europa“ aufzählt, wieder nach einem sehr persönlichen Auswahlverfahren – warum den allbekannten Rheinfall erwähnen, nicht aber die schwedischen Trollhättan-Fälle?

Wenn schon der anspruchsvolle Titel „Führer“ vorneweg steht, dann sollten die Angaben ein bißchen genauer sein als „250 Kilometer nordwestlich von Stockholm“. Vor allem aber sollten detaillierte Karten, vierfarbig natürlich, die Wege zu den Wundern weisen. Platz und Farbe gibt es in dem Buch genug. Nur hätte dann Felix R. Paturi auf einige Wald- und Wiesenphotos verzichten müssen, und das wollte er wohl nicht. Was Wunder, bei so vielen „Wundern“.

Günter Haaf