Kolakowskis Auseinandersetzung mit der Weite und Vielfalt des heterodoxen Marxismus

Von hing Fetscher

Kolakowskis auf drei Bände angelegte Geschichte des Marxismus behandelt im zweiten Band die verschiedenen Theoretiker der Zweiten Internationale sowie Lenin und den Leninismus. Im dritten und letzten Band wird der Stalinismus und der intellektuelle Marxismus von Gramsci, Lukács, Korsch, Marcuse und Bloch folgen:

Leszek Kolakowski: „Die Hauptströmungen des Marxismus, Entstehung, Entwicklung, Zerfall“; Band 2; Piper Verlag; München 1978; 575 S., DM 58,–.

Eine Reihe von Kapiteln dieses zweiten Bandes ergaben sich gleichsam „notwendigerweise“: Kautsky und die deutsche Orthodoxie, Rosa Luxemburg und die revolutionäre Linke, Bernstein und der Revisionismus – sie finden sich, wenn auch weniger umfangreich – in den meisten historischen Darstellungen dieser Periode. Kolakowski referiert fair und mit solidem Sachverstand, ohne besonders originell zu sein. In den folgenden Kapiteln werden drei Franzosen: Jaures, Lafargue und Georges Sorel und ein Italiener – Antonio Labriola – dargestellt, wobei Sorel das längste Kapitel eingeräumt wird, obgleich auch Kolakowski ihn nur unter Vorbehalt zu den Marxisten rechnet. Er erscheint übrigens unter dem bezeichnenden Titel „der jansenistische Marxismus“, womit auf Sorels ästhetisch-moralischen Rigorismus angespielt wird.

Völlig neu dürften dagegen für deutsche Leser die drei polnischen Marxisten gewidmeten Kapitel sein. Der Essay „Ludwig Krzywicki – der Marxismus als Instrument der Soziologie“ macht mit einem jener Autoren bekannt, die im Unterschied zu den „Orthodoxen“ (wie Kautsky und Plechanow) sich nicht mit historischen oder philosophischen Problemen beschäftigen, um die „Richtigkeit des Marxismus zu beweisen“, sondern die an die Bearbeitung eines Problems herangehen und dabei – soweit es ihnen nützlich erscheint –, sich unter anderem auch des Marxismus bedienen: „Der Marxismus ist für sie ein Mittel und nicht der Selbstzweck ihrer Untersuchungen ...“

Der umfassend gebildete Ludwig Krzywicki hat vor allem zeitgenössische Modeströmungen wie den Sozialdarwinismus und die organizistische Gesellschaftstheorie kritisiert. Gemeinsam mit dem orthodoxen Marxismus vertritt er zwar die Eigenständigkeit des Proletariats, aber im Unterschied zum späten Engels und zu Kautsky lehnt er die These von der Unvermeidlichkeit und Naturnotwendigkeit des Sozialismus ab: „Die künftige Ordnung, die aus der Evolution des Kapitalismus und den Prozessen der Klassenpolarisierung hervorgeht, kann nach ihm entweder das Werk des Proletariats oder der Bourgeoisie sein.“