Fernseh-Kritik

ZDF, Sonntag, 11. März: „Niederländer und Deutsche“, Ausschnitte einer Podiumsdiskussion

Manchmal steckt ja nicht nur der Teufel im Detail, sondern auch die eine oder andere Erkenntnis. Als neun Journalisten sich auf dem Podium des Aachener „Bildungswerks für christlich-demokratische Politik“ trafen, um über das Verhältnis Deutsche–Niederländer zu sprechen, sollte die im ZDF gesendete „berühmt gewordene Diskussion“ zwischen Helmut Kohl und einem holländischen Publikum nur Anlaß, nicht Gegenstand des Gesprächs sein, wie der Chairman, Johannes Gross, postulierte. Daß es nichtsdestoweniger das Zugeständnis des Senders an jene Lynchjustizler unter christlichdemokratischen oder -sozialen Politikern war, die nach dem Desaster lautstark den Kopf des die Sendung moderierenden ZDF-Chefredakteurs Reinhard Appel forderten, steht außer Diskussion. Die Tücke des Zufalls aber wollte es, daß der vermeintliche Sündenbock dem Aachener Gespräch nicht von Anfang an beiwohnen konnte, denn die „Sitzung seines Kontrollorgans“ hatte sich „etwas länger hingezogen, als er vorhersehen konnte“. Die Meinungsfreiheit braucht gelegentlich ihre Zeit.

Vermutlich schon auf dieser Sitzung des „Kontrollorgans“, spätestens aber in der Diskussion, wurde den Lamenteuren aus Bonn und München wohl klar, daß Reinhard Appel nicht mehr, aber auch nicht weniger als „einen Vorhang vor einem Stück vielleicht unangenehmer Wahrheit weggezogen“ hatte. Immerhin hatte eine Umfrage der Bundesregierung in allen Ländern der EG zu „in den Niederlanden besonders herausragenden“ Ergebnissen geführt: 32 Prozent der Bevölkerung können dort, so die Meinungsforscher, immer noch nicht „unsere Nazi-Vergangenheit vergessen“, 24 Prozent „stören sich“ an solchen Tendenzen oder gar Fakten wie Berufsverboten, Abtreibungsdiskussionen oder Verjährungsauseinandersetzungen.

Möglicherweise – und Reinhard Appel gesteht „Fehler in der Organisation, im Ablauf, in der Vorbereitung“ zu – war der Kreis der in Den Haag Fragenden tatsächlich nicht repräsentativ. Die Behauptung aber, diese Gruppe stamme „aus einer Grauzone, von der man schon sagen konnte: Ja, wo hört denn hier der Super-Calvinismus oder der Marxismus oder das Linksradikale auf“, entlarvt einen in der holländischen Grenzstadt Aachen lebenden Journalisten mehr, als dessen Lesern lieb sein dürfte.

Podiumsdiskussionen haben selten handfeste Ergebnisse zu präsentieren. In Aachen und im Zusammenschnitt zu mitternächtlicher Fernsehstunde wurde allerdings klar: „Wir wollen Europa bauen – und haben dabei noch längst nicht genügend Vorarbeit geleistet.“ Daß mit der Sendung über Helmut Kohls Auftritt in den Niederlanden „die europäische Innenpolitik“ begann, dürfte ein starkes Wort, daß von ihr „eine Holocaust-Wirkung ausging“, eine maßlose Übertreibung sein. Daß wir hellhöriger geworden sind für Empfindungen und Empfindlichkeiten unserer Nachbarn, daran ist kein Zweifel, dürfte keiner sein. Heinz Josef Herbert