In Berlin findet auch in diesem Frühjahr ein Theatertreffen statt, das sechzehnte in der Geschichte dieses überaus erfolgreichen Festivals. Und wieder gibt es ein großes Rahmenprogramm. Das Berliner Publikum kann sich freuen. Wirklich?

Tatsächlich findet in Berlin im Mai ein großes Rahmenprogramm statt – das dazugehörige Hauptprogramm nicht. Denn die mit der Auswahl des Theatertreffens beauftragte Kritiker-Jury hat nur fünf Aufführungen für würdig befunden: zweimal "Groß und klein" von Botho Strauß (in den Inszenierungen Peter Steins und Dieter Dorns), die "Räuber" aus Düsseldorf (Regie: Peter Löscher), "Emilia Galott" aus Wien (Regie: Adolf Dresen) und eine Ernst-Wendt-Inszenierung aus München, "Lovely Rita" von Thomas Brasch. Zehn Aufführungen hätte man wählen können, fünf sind es, geworden: Nie hatte das Theatertreffen ein vergleichbar dürftiges Programm. Dies wäre traurig, aber nicht zu ändern, spiegelte es irgendeine Realität. Doch die Saison 1978/79 an den deutschsprachigen Bühnen war keine unvergleichbar dürftige, sondern eine überdurchschnittlich interessante. So ist die Entscheidung der Jury ein Zeugnis der Armut: aber nicht für das deutsche Theater, sondern für die deutsche Theaterkritik.

Keine Jury arbeitet ohne Fehler, auch die in Berlin nicht. Immer schon hat es grandiose Fehlleistungen Michael etwa die brüske Abweisung von Klaus Michael Dickicht Frankfurter Brecht-Inszenierung "Im Dickicht der Städte". Doch insgesamt hat das Theatertreffen alle wichtigen Entwicklungen im deutschen Theater dokumentiert; hat diese Jury, im Unterschied zu fast allen Festival-Jurys, keine oberfaulen gemeinsamen gesucht, sich nie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt; hat nicht nur das Gediegen-Qualitätvolle honoriert, sondern gerade auch die extremen Anstrengungen, die zwangsläufig oft mit dem extremen Scheitern identisch sind. Das "Antikenprojekt" der Schaubühne, Hans Neuenfels’ "Medea", Zadeks Shakespeare: über solche Aufführungen gab es in der Jury leidenschaftliche bis bösartige Debatten, doch am Ende wurden sie gewählt – weil man auch die großen Streitgegenstände einer Spielzeit in Berlin vorführen wollte, nicht nur die unbestrittene, mittlere bis musterhafte Qualität.

Die Auswahl in diesem Jahr ist nicht nur kläglich, sie hat Konsequenz. Denn nicht gewählt wurden: Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater, George Taboris Münchner "Shylock"-Improvisationen, Robert Wilsons "Death Destruction & Detroit", Zadeks "Wintermärchen" und Noeltes "Wildente", Christof Nels’ Frankfurter "Antigone", Wendts "Kabale und Liebe". Nicht gewählt wurde alles womöglich Anstößige. Die Entscheidung der Jury ist eine Art Extremistenbeschluß für das Theater – gegen das Theater. Der interessanteste Vorgang der Spielzeit, das Aufkommen eines nicht-literarischen, nicht-interpretatorischen Theaters der Assoziationen und Bilder bei Robert Wilson, Pina Bausch und Tabori: für die Jury uninteressant.

So hat im Jahre 1979 auch die Theaterjury das Schicksal fast aller ähnlich organisierten Gremien ereilt: daß sich eine Majorität nur noch für das Mittlere und Maßvolle finden läßt. Was in politischen Affären noch einen Sinn geben mag (die Liquidierung der Extreme durch die Mehrheit), ist in ästhetischen eine Katastrophe. Das Votum der Berliner Jury ist leider auch ein dramatisches Argument gegen das Prinzip, solche Entscheidungen einer Jury anzuvertrauen. Sie ist ein selbstmörderischer Akt, mindestens der Versuch dazu.

Bleibt nur der Appell an die Jury, die eigene Entscheidung zu revidieren, noch einmal, und sei es wider die Buchstaben des "Statuts", zusammenzukommen, die fünf freien Plätze entschlossen zu besetzen, den unsinnigen Affront gegen das Publikum aus Berlin und aller Welt zurückzunehmen.

Es gab einmal ein Theatertreffen in Berlin, und es war eines der wichtigen Festivals auf dieser Welt. Es darf nicht an der Müdigkeit, dem versteinerten Mißmut einiger Juroren zugrunde gehen. Benjamin Henrichs