Von Dieter Piel

Allmonatlich, wenn er, im Scheinwerferlicht und vor surrenden Kameras, über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und der offenen Stellen berichtet, weiß Josef Stingl, Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, wichtige Gründe dieser Entwicklung zu nennen. Er spricht dann über mancherlei Strukturprobleme und das schlechte Wetter, über besonders notleidende Regionen und die geringe Qualifikation vieler Arbeitsloser. Er hat mit alledem recht, und die Schlagzeilen des nächsten Tages sind ihm sicher.

Über eine Ursache der zu hohen Arbeitslosigkeit, und der zu geringen Vermittlung von Arbeitslosen aber hat Stingl noch nie berichtet: die Bundesanstalt für Arbeit mit allen ihren Gliederungen bis hinunter zum kleinsten Arbeitsamt. Die Arbeitsämter und ihr bürokratischer Überbau in den Landeshauptstädten und in Nürnberg, die ja eigentlich dazu da sind, Arbeitslosigkeit zu mildern, tragen, indem sie allzuoft halbe Arbeit leisten, zu dieser Arbeitslosigkeit bei; daß sie das nicht selbst kundtun, mag man ihnen kaum verdenken.

Halbe Arbeit – sie ist die Folge eines aufwendigen Verwaltungs-Zentralismus, der die Arbeitsämter durch umständliche Entscheidungsprozesse und eine Flut von Papier oftmals an dem Beratung wozu sie in erster Linie da sind: an der Beratung und Vermittlung von Arbeitslosen. Sie rührt von der beamtenhaften Schwerfälligkeit einer über 50 000 Köpfe zählenden Bürokratie, der es nur in sehr bescheidenem Maße gelungen ist, sich dem seit fünf Jahren herrschenden Frost am Arbeitsmarkt anzupassen.

Die Bundesanstalt für Arbeit verfügt über ein ziemlich modernes beschäftigungspolitisches – Instrumentarium. Sie kann beraten und umschulen, fortbilden und einzelne Arbeitsplätze subventionieren – doch sie ist, in weiten Bereichen, noch immer nicht viel mehr als ein Apparat zur Verteilung von Stempelgeldern. Ihre „Leistungsabteilung“, jener Zweig also, der das Geld verteilt, ist personell am besten besetzt.

Die Kehrseite: Nur gut sieben Minuten dauert, nach einer im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums angestellten Untersuchung des Münchener Sozialwissenschaftlers Werner Sörgel, ein durchschnittliches Vermittlungsgespräch mit einem Arbeitslosen. Schon das ist schlimm; denn in sieben Minuten ist es dem Beratenden oder Vermittelnden kaum möglich, den „Fall“ zu erkennen, alle geeigneten Beschäftigungsmöglichkeiten aus der Kartei zu ziehen oder, wenn sich darin nichts findet, entsprechende Möglichkeiten zu schaffen – durch Gespräche mit einzelnen Unternehmen oder durch, passende Fortbildungs- und Umschulungsangebote an die Arbeitslosen.

Schlimmer aber noch ist es, daß das Einzelgespräch noch kürzer wird, wenn es mit einem Arbeitslosen geführt wird, der zu den „schwer zu Vermittelnden“ gehört: Ungelernte, Ältere, Frauen auf der – ernsthaften oder vorgetäuschten – Suche nach Teilzeitarbeit, Behinderte und Unwillige. So nimmt denn der Anteil dieser Problemfälle an der gesamten Arbeitslosigkeit zu; und die Arbeitsämter sind daran nicht unbeteiligt.