Also in Manhattan wollen Sie wohnen“, wiederholt die junge Frau hinter dem Schreibtisch, und es klang, als hätte ich den Wunsch geäußert, auf dem Mars zu leben. Offensichtlich hielt sie meine Vorstellungen über Lage, Größe undPreis des Gesuchten für nicht miteinander vereinbar. Ich dagegen fand, bereits erhebliche Konzessionen an die allseits beschriebenen, desolaten Verhältnisse auf dem New Yorker Wohnungsmarkt gemacht zu haben. Schließlich werden über Apartmentjäger und -gejagte in Manhattan Artikel und Fernsehsendungen produziert. Man weiß, worauf man sich einläßt.

Nicht ganz. Daß die Makler in dieser Stadt so frustriert sind wie die Wohnungssuchenden, weil sie schlicht nichts anzubieten haben; daß weitaus mehr New Yorker wie Maulwürfe leben – in licht- und luftlosen Verschlagen mit Einblick in Nachbars Schlafzimmer – als im Penthouse mit Cinerama-Blick; daß Licht überhaupt eine Mangelware in der Stadt der Wolkenkratzer ist; daß die Standard-US-Apartments, die man aus Hollywoodfilmen kennt, sich zur Realität amerikanischer Wohnungen verhalten wie der Palast zur Fischerhütte – all das lernt man erst auf einer Odyssee durch Maklerbüros.

Der Magnet Manhattan, Zwei-Millionen-Stadtteil, in dem die meisten New Yorker und zugereisten Europäer leben wollen, kann die, die er anlockte, kaum mehr beherbergen. Die Fakten: Zur Zeit ist die Zahl der freien Wohnungen die geringste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Mieten steigen seit etwa zwei Jahren in astronomische Höhen, und Experten sagen voraus, daß in den achtziger Jahren eine Zweizimmerwohnung durchschnittlich 1000 Dollar kosten werde (schon jetzt ist dies in den besten Wohngegenden ein akzeptierter Preis, will sagen: Fifth Avenue und Umgebung, die untere Grenze liegt längst bei 400 bis 500 Dollar).

Mieterstreiks, Mietkontrollen und andere Versuche privater oder staatlicher Stellen, die Entwicklung in den Griff zu kriegen, haben bislang nur dazu geführt, daß Hausbesitzer ihre Apartments in Eigentumswohnungen umwandeln und den Bau neuer Häuser einschränken.

Die Reaktion der meisten New Yorker ist klar: Sie entsagen einer nationalen Vorliebe und ziehen nicht mehr um.

Im 14. Stock eines zwanzigstöckigen Gebäudes taste ich mich einen endlosen Flur entlang, bis ich in der kaum helleren Küche stehe (den mieterlosen Wohnungen wird von der Elektrizitätsgesellschaft sogleich das Licht abgedreht). Im Schlafzimmer ist gerade Platz für ein Bett, und das wiederum darfhöchstens „Queen-Size“ haben. Könige mit dem ihnen von der Matratzenindustrie zugewiesenen Platzbedürfnis würden sich die herrschaftlichen Füße stoßen.

Die perfekte Maulwurfsituation wird einem für 550 Dollar im Monat an der 23. Straße geboten: Dort wurde einprächtiges altes Wohnhaus in einen Silo für lauter gleich aussehende Einzimmerwohnungen verwandelt, und dabei hat man dann sogar den Raum unter dem Bürgersteig genutzt. Da schaut man dann aus einer Art verglaster Dunkelkammer in einen winzigen Lichthof, in dem ein Kübelbaum bis zur Höhe des Pflasters wächst. Zwei Armeslängen vorm Fenster die Zwillingswohnung im Souterrain. Notgedrungen bleiben da gleich die Vorhänge zu. Ob alle New Yorker Grundbesitzer und Vermieter Haie sind, ist nicht auf die Schnelle auszumachen. Aber daß manche unmöglich Menschen sein können, das steht fest.