ZDF, Donnerstag, 22. März, 22.35 Uhr: „Mit Baby und Banner, die Geschichte der Frauen-Notstands-Brigade“, Dokumentarfilm von Lorraine Gray

Neun Frauen – alle zwischen 60 und 70 Jahre alt – erzählen vom legendären Streik bei General Motors in Flint, Michigan: Am 30. Dezember 1936 besetzten die in den „United Auto Workers“ organisierten Arbeiter im damals größten Industrieunternehmen der Welt die Fabrikhallen und traten in den Sitzstreik; sie kämpften damit um die Anerkennung eines nationalen Industriegewerkschaftssystems. Die Besetzung dauerte 44 Tage, und der Sieg der Streikenden begündete die Macht der „Vereinigten Auto-Arbeiter“ in Amerika.

Doch das sind nur die äußeren Daten. Die alten Frauen, die alle aktiv dabei waren und nun vor der Kamera versammelt sind, erzählen eine ganz andere Geschichte, sie kramen in ihren Erinnerungen und berichten vor allem von den Frauenkämpfen in diesem Streik: wie die alten Gewerkschaftler ihnen den Zutritt zu den Versammlungen untersagten, sie in die Streikküche abschieben wollten, wenn Arbeiterinnen oder Ehefrauen im Gewerkschafts-Hauptquartier ihre Hilfe anboten. Daß Frauen, wenn überhaupt, sich in der Küche, beim Kartoffelschälen am besten, nützlich machen könnten, davon ließen sich auch die engagierten Arbeiter nicht abbringen.

Also nahmen die Entschlossensten ihren Widerstand selber in die Hand. Sie gründeten eine Frauen-Notstands-Brigade, die überall ins Streikgeschehen eingriff, wenn es um Familienhilfe ging, die auch Streikposten bezog, wo dann das Tränengas der Polizei keinen Geschlechtsunterschied mehr machte; sie organisierten Kinderdemonstrationen und stellten sich selber als Barrikaden vor die Fabriktore. Während die Kämpferinnen von damals ihre Erinnerungen zusammentragen, zeigt der Film seltenes Archivmaterial von dieser Fabrikbesetzung, Bilder aus Wochenschauen und Filmstreifen, die zum großen Teil zum erstenmal zu sehen sind und spannend dokumentieren, daß der Streik ohne die Hilfe der Frauen wohl kaum erfolgreich gewesen wäre (die Geschichtsbücher vermerken allein das Durchhaltevermögen und die Entschlossenheit der Fabrikarbeiter). Neugierig wird man nach diesem Film vor allem auch auf die leeren Stellen

Darüber hinaus versuchen die Filmemacherinnen („Mit Baby und Banner“ ist der erste Film des „Women’s Labor Film Project an dem fast ausschließlich Frauen beteiligt sind), einen Bezug zur Situation berufstätiger Frauen heute herzustellen. So endet die Geschichte ganz aktuell bei der 40-Jahres-Feier der „Vereinigten Auto-Arbeiter“, wo immer noch erst laut protestiert werden muß, bevor eine Frauensprecherin auf dem Podium zugelassen wird, die dann, wie vor 40 Jahren, für fehlende Kindergärten eintritt.

Manuela Reichart