Von Ute Naumann

Der Anlaß war gering, die Reaktion des Präsidenten der Vereinigten Staaten um so heftiger: Als Jimmy Carter im Frühjahr 1978 mit Ehefrau Rosalynn und Tochter Amy Berlin besuchte, fragte ein Reporter, wieviel Taschengeld (pocket money) die Tochter bekomme. Das sonst so lächelbereite Gesicht des Präsidenten verfinsterte sich. Er holte zu einer weitgefaßten Replik des Inhaltes aus, daß kein einziges Mitglied seiner Familie Gelder aus der Staatskasse erhalte. Dies werde zuweilen unterstellt, sei aber einfach nicht wahr.

Die ebenso scharfe wie verwirrende Antwort Carters beruhte auf einem Irrtum. Denn die Frage des Reporters war in der Übersetzung falsch angekommen. Statt „pocket money“ hatte der Präsident „public money“ (öffentliches Geld) verstanden. Der zur Rechenschaft gezogene Dolmetscher verteidigte sich leidenschaftlich – er habe richtig übersetzt! Man einigte sich darauf, daß es vermutlich an der Technik gelegen habe. Wahrscheinlich sei dem Präsidenten das Mikrophonknöpfchen an der entscheidenden Stelle im Ohr verrutscht.

In diesem Fall war der Dolmetscher rehabilitiert, der Präsident besänftigt. Schlimmeres hingegen widerfuhr ihm, als er auf seiner Weltreise Ende 1977 in Polen Station machte. Der mitgereiste Dolmetscher Stephen Seymor übersetzte Carters Begrüßungsworte in ein holpriges, antiquiertes und auch mißverständliches Polnisch. Der Präsident plauderte „als ich die Vereinigten Staaten verließ“ – Seymour gab weiter: „Als ich die Vereinigten Staaten aufgab.“ Carter sprach von „Zukunftswünschen“, Seymour von den „Gelüsten der Zukunft“. Schließlich sagte Carter, daß „Polen das Heimatland von über sechs Millionen Amerikanern ist“ und der Dolmetscher interpretierte frei, daß „Polen ein Staat ist, der das Vaterland von zehn Millionen Amerikanern ersetzt“.

Die Übersetzungsfehler konnten aufgeklärt werden, ehe sich die Stimmung der sensiblen Polen nachhaltig verdüsterte. Seymour, als Vermittler zwischen beiden Sprachen völlig untauglich, weil er seit vielen Jahren nicht mehr in Polen gewesen war, hatte mit dieser Übersetzung seine letzte Aufgabe für die US-Regierung, getan.

Solche Pannen können mehr als peinlich sein – etwa dann, wenn es sich um Vier-Augen-Gespräche von Staatschefs handelt, die in der Regel wegen der Anwesenheit des Dolmetschers Sechs-Augen-Gespräche sind. Da muß jedes Wort-Stimmen.Dolmetscher gibt es seit vielen Jahrhunderten. Die Simultanübersetzer (simultan = gleichzeitig) gaben ihr beeindruckendes Debüt in der Öffentlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg während der Nürnberger Prozesse. Seither ist ihnen durch die immer verzweigter und enger werdenden internationalen Beziehungen eine enorme Bedeutung zugewachsen. Die Elite der Dolmetscher, die Konferenzdolmetscher, sind nicht nur Relais zwischen Politikern, die verschiedene Sprachen sprechen. Ohne Konferenzdolmetscher wären auch Sitzungen der Vereinten Nationen, der Europäischen Gemeinschaften, des Europäischen Parlamentes nicht denkbar; ebenso wenig wissenschaftliche Kongresse, internationale Messen oder internationale wirtschaftliche Zusammenkünfte.

An Konferenzdolmetscher werden über die Sprachkenntnisse hinaus so hohe Anforderungen gestellt, daß es kein Wunder ist, wenn es nur sehr wenige wirklich qualifizierte gibt. Die internationale Vereinigung der Konferenzdolmetscher „Association Internationale des Interpretes de Conférence“ (AIIC) hat etwa 1400 Mitglieder, hundert davon in der Bundesrepublik. Hinzu kommen noch die Konferenzdolmetscher, die dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) angeschlossen sind – alles in allem sind es höchstens 130. Eine wirklich kleine Gruppe also. Michael Dreesbach, ein Bonner Konferenzdolmetscher, schätzt, daß er in den Saisonzeiten von April bis Juni und September bis November zuweilen für sieben gleichzeitig stattfindende Veranstaltungen angefordert wird.