Freiburg

Besonders kritisch müssen Prozeßbeobachter Indizienprozesse verfolgen, so wie sie es auch in der zwölftägigen Hauptverhandlung gegen Hermann Kraft vor einer Schwurgerichtskammer in Rastatt getan haben. Denn der Vorwurf, Kraft sei der Erpresser und Eisenbahnattentäter „Monsieur X“, wurde nur von indirekten Hinweisen, von „Indizien“, getragen. Es gab keinen Augenzeugen für die 13 Anschläge, kein Werkzeug, das gefunden worden wäre, keine Fingerabdrücke, kein Geständnis – und auch keine Toten, als der Italia-Expreß am Kaiserstuhl entgleiste; allerdings 25 zum Teil schwer Verletzte (ZEIT Nr. 8/79).

Aber als der Vorsitzende Richter Franz Isak gegen Hermann Kraft eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen 25fach versuchten Mordes, versuchter räuberischer Erpressung und gefährlicher Störung des Bahnverkehrs verkündete, dies dann detailliert und überzeugend begründete, war wohl auch dem skeptischen Zuhörer klar, daß selbst in Indizienprozessen Gewißheit, Sicherheit des Urteils ohne vernünftige Zweifel erreicht werden kann. Wenn überaus viele Zufälle, hohe Wahrscheinlichkeiten zusammentreffen, können sie sich zur Gewißheit potenzieren.

So war es denn konsequent, daß der Vorsitzende keinen faulen Kompromiß im Strafmaß sitzende mochte: „Schwere Strafen nie bei Indizienprozessen?“ fragte er, und antwortete sofort: „Dieses Zurückzucken kennt die deutsche Strafprozeßordnung nicht.“ Wenn das Gericht überzeugt sei, daß der Angeklagte der Täter sei, müsse er auch die angemessene Strafe, hier die Höchststrafe, verhängen.

Dann beschrieb der Richter das „Mosaik“, das das Gericht zusammengetragen hatte. Viele Steinchen hätten ein deutliches Bild ergeben. Es sei kein einziger Hinweis dafür gefunden worden, daß Kraft nicht „Monsieur X“ sei, wohl aber gebe es Indizien in Fülle, die das Gericht von Krafts Täterschaft überzeugt hätten. Der Privatdetektiv Alfred Brockmann existiere nicht; der Angeklagte habe ihn erfunden. Isak zeichnete sogar detailliert und datiert die langsame Geburt des Phantoms, von „Brückner“, „Brockner“ bis Brockmann nach. Außerdem, glauben die Richter Kraft nicht, daß ihn Neugier nicht geplagt hätte, hinter die geheimnisvolle Figur zu kommen, wenn es sie wirklich gäbe.

„Als wir das Tonband (mit der Erpresserstimme) hörten, dann ein zweites und drittes Mal hörten, waren wir ziemlich sicher, daß dies die Stimme Krafts war. Das war ein Gefühl, es war schwer zu begründen“, sagte der Vorsitzende. Die vier Sachverständigen hätten dann vollends Gewißheit vermittelt. Einmal, habe der Erpresser gesagt: „Ich werde Sie bei der Zoll anrufen.“ Derselbe Fehler sei auch dem Angeklagten einmal herausgerutscht.

In einem der Erpresserbriefe habe gestanden: „Der Schuldner ist auf u. davon.“ Zur selben Zeit habe Kraft dies genauso in einem Privatbrief geschrieben. Die zwanzig zufälligen Ähnlichkeiten und Gleichartigkeiten in Tonbändern und Briefen waren für das Gericht ein schwerwiegendes Indiz. „Über 20 Zufälligkeiten, hier beginnt der Glaube an den Zufall zu weichen und wird zur Gewißheit“, meinte Isak.