Von Joachim Braun

Pretoria, im März

Seit einem Jahr hält der Skandal um das ehemalige Informationsministerium Südafrikas die erstaunte Öffentlichkeit in Atem. Fast jede Woche bringt neue Enthüllungen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Je länger der Skandal anhält, desto widersprüchlicher werden seine Erscheinungsformen – teils Staatskrise, teils Kriminalstück, teils Schmierenkomödie.

Monatelang waren die Fronten in dieser Affäre klar: Hier die liberale englischsprachige Oppositionspresse, die unnachgiebig Stück für Stück das Netz aus Intrigen, Lügen und Bestechung aufdeckte, das Informationsminister Connie Mulder und sein Staatssekretär Eschel Rhoodie in den letzten fünf Jahren geknüpft hätten; dort eine fast ausschließlich burische Regierung, die den Skandal erst leugnete, dann zu vertuschen suchte und schließlich von einer richterlichen Kommission hinter verschlossenen Türen untersuchen ließ.

Aber neuerdings hat sich diese Konstellation verändert. Zu den gefährlichsten Gegenspielern der Regierung wurden ausgerechnet zwei Männer, die noch vor einem Jahr im Zentrum der Macht standen: Dr. Eschel Rhoodie, der vor sechs Jahren Südafrikas geheimen Propagandakrieg konzipiert und seither mit nahezu unbegrenzten Vollmachten geleitet hat, und General Hendrik van den Bergh, bis Juli 1978 der gefürchtete Chef des südafrikanischen Geheimdienstes. Beide wurden von der Untersuchungskommission unter Bundesrichter Rudolf Erasmus zu Hauptschuldigen des Skandals erklärt; beide forderten vergeblich, daß ihre Aussagen von der Kommission veröffentlicht würden.

Van den Bergh verdammte daraufhin die Erasmus-Kommission als Farce und warf ihr beispiellosen Rufmord vor. Nach südafrikanischem Recht gilt dies als strafbare, „Mißachtung eines Gerichts“. Der zuständige Generalstaatsanwalt brauchte fast zwei Monate, um zu entscheiden, ob er den General vor Gericht bringen wollte. Schließlich erklärte er, im Falle van den Bergh gäbe es ein übergreifendes Interesse des Staates, von einer Strafverfolgung abzusehen. Der Ex-Geheimdienstchef wußte zuviel und sollte nicht die Gelegenheit erhalten, im Schutze des Gerichts auszuplaudern. Daraufhin bildete sich eine Bürgerinitiative „Bringt van den Bergh vor Gericht“. Binnen Weniger Tage sammelte sie 48 000 Unterschriften. Einer der ersten, der vor den Kameras der Presse auf dem zentralen Platz von Pretoria unterschrieb, war der General selbst. Er wollte seinen Prozeß, aber die Regierung nahm die Herausforderung nicht an.

Eschel Rhoodie hatte im November vor der Erasmus-Kommission ausgesagt. Obwohl er dringend der Veruntreuung von Steuermillionen verdächtigt war, konnte er sich anschließend ungehindert ins Ausland absetzen. Seither irrt er im selbstgewählten Exil von einem Land zum anderen. Mal taucht er in Paris auf, mal in Rom oder Miami, mal in Lateinamerika. Die Regierung in Pretoria erklärte seinen Paß für ungültig und beschlagnahmte sein Vermögen. Aber eine südafrikanische Botschaft konnte seiner habhaft werden, keine ausländische Regierung kam dem Auslieferungsbegehren Pretorias nach. Gefunden wurde er schließlich Anfang Februar in Quito, der Hauptstadt von Ekuador – nicht von einem Emissär der Regierung, sondern nach einer Verfolgungsjagd durch vier Kontinente von einem Reporter der liberalen Johannesburger Zeitung Rand Daily Mail.