Wann immer ein Gelehrter in einem öffentlichen Vortrag Politiker unter seinen Zuhörern weiß, wird die Szene zum Tribunal: Der Redner kommt unvermeidlich aufs Geld und die Bürokratie zu sprechen, auf die finanzielle und organisatorische Knebelung der Wissenschaft.

Dieses Ritual ereignete sich eher beiläufig auch auf jener Festveranstaltung, mit der unlängst in Berlin der 100. Geburtstage von Otto Hahn, Lise Meitner, Max von Laue und Albert Einstein gedacht wurde. Professor Reimar Lüst, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, erwähnte unter anderem das unwiderstehliche Angebot, mit dem Einstein 1913 für die Berliner Akademie gewonnen werden konnte und zu dem auch eine Professur gehörte mit dem Recht, aber ohne die Pflicht, Vorlesungen zu halten. Daran knüpfte Lüst die nachdenkliche Frage: „Ob dies in unserer heutigen politischen Landschaft mit den unabänderlichen Lehrdeputaten noch möglich wäre?“

Dem Präsidenten der Freien Universität, Professor Eberhard Lämmert, gefiel dieses Argument so gut, daß er es improvisierend sogleich wiederholte. Nur gewinnt dieses Argument auch doppelt genäht nicht eben an Tauglichkeit.

Zunächst gibt der als wissenschaftspolitischer Nothelfer herbeizitierte Jubilar Einstein kaum etwas her für die bewegte Klage. Seine Arbeiten, die ihm schließlich die Berliner Offerte eintrugen, hat er als „Experte III. Klasse“ am Patentamt zu Bern vollbracht, gewissermaßen am Rande der Legalität als nicht genehmigte Nebentätigkeit. Diese Situation hat Einstein niemals bedauert, im Gegenteil: Er schätzte sich glücklich, in seiner bürgerlichen Existenz von keinerlei besonderen Erleuchtungen abhängig gewesen zu sein: „Denn die akademische Laufbahn versetzt einen jungen Menschen in eine Art Zwangslage, wissenschaftliche Schriften in impressiver Menge zu produzieren – eine Verführung zur Oberflächlichkeit, der nur starke Charaktere zu widerstehen vermögen.“

Ähnlich eigenwillig, aber voller Ernst, warb Einstein in einer Rede, die er im Oktober 1934 in der Londoner Royal Albert Hall hielt, um unkonventionelle Beschäftigungsmöglichkeiten für geflohene Wissenschaftler: Ich denke an solche ... Tätigkeiten wie die Bedienung von Leuchttür- men oder Leutchtschiffen. Wäre es nicht möglich, solche Posten mit jungen Leuten zu besetzen, die wissenschaftliche Probleme durchdenken wollen?“

Mit solchen Vorschlägen läßt sich heute freilich nicht viel anfangen, und das nicht nur, weil die Leuchttürme automatisiert sind. Zum Glück braucht aber auch niemand auf die Einsteinsche Existenzsicherung zurückgreifen. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft hatte offenbar schlicht vergessen, daß er einer Organisation vorsteht, die jene dem einzigartigen Einstein verliehenen exquisiten Privilegien heutzutage gleich hundertfach gewährt: Die rund 220 „Wissenschaftlichen Mitglieder“ von Deutschlands vornehmster Forschungsorganisation sind oft Professoren „mit dem Recht, aber nicht der Pflicht, Vorlesungen zu halten.“ Von Lehrdeputaten keine Rede. Selbst für den qualifizierten Nachwuchs ist durch ansprechend ausgestattete ^Heisenberg-Stipendien“ ohne Lehrdeputat gesorgt – freilich konnte bislang nicht einmal die Hälfte dieser Forschungsstipendien vergeben werden.

Ketzerische Soziologen haben längst erkannt, daß auch der Wissenschaftsbetrieb ein auf Expansion und Proliferation angelegtes soziales System ist. Nur müßten die Argumente zur Beförderung des Wissenschaftssystems schön etwas tauglicher ausfallen als jüngst in Berlin, wenn sie nicht als schnöde Interessenvertretung sich selbst disqualifizieren sollen. Und diesen Tort möchte man, bitte schön, den Liebhabern und Verehrern der Wissenschaft so schnell nicht wieder antun.

Albrecht Fölsing