So schön war Theater schon lang nicht mehr. Nebelwolken von so durchsichtig zarten Grau sieht man auf keinem Gemälde, geschweige denn in der Wirklichkeit. Gebirgsschluchten tun sich auf. Ein fast die ganze Höhe der Bühne füllender Wasserfall (aus Dampfwolken) tost in erschreckender Stille. Hoch oben stürmen Krieger über eine schwankende Hängebrücke, die sie vor den Verfolgern ins Wolkenwasser fallen lassen. Die Hexe versteckt krumme Glieder unter dem Faltenwurf üppiger Gewänder und schnallt sich Schuhe an, hoch wie Stühle. Aber das Aschenputtel, das in Kleists Märchenspiel Käthchen heißt, ist am Schluß doch größer und schöner: Aus der Ohnmacht erwacht, steigt Käthchen auf ein Gerüst krummer Baumstämme, von dem ihr Hochzeitsgewand, mächtig wie der Bühnenvorhang, auf den Boden fällt, Dreck und Gebrechen der Wirklichkeit verhüllend.

Johannes Schaafs Inszenierung des „Großen Historischen Ritterschauspiels“ von 1807 mit dem Doppeltitel „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“ findet für die 53 Szenen dieses Traumspiels keinen Rhythmus. Sprache und Darstellung haben es schwer, sich gegen die Übermacht von Erich Wonders Bühnenbauten und Visionen zu behaupten: Grandioses Lichtfestspiel im Nebelregen. Immer wieder Lichtschneisen, die das Bild in der Raumdiagonale aufreißen, von links hinten unten nach rechts vorn oben. Zwei Augen können in vier Stunden den ganzen Zauber des Wonder-Lichts gar nicht fassen, das in Düsseldorf, aus den seltsamster Perspektiven, durch Schleierwände von Reger, hindurch, angezündet wird. Das Auge hat zu tun das Ohr schon weniger – und der höherliegende Teil des Kopfes?

Denken, nachzudenken gibt’s in dieser Inszenierung einer kalten Pracht, die langsam ihre phantastischen Bilderbuchseiten aufschlägt, nichts. Fühlen, mitzufühlen auch nichts. Was bleibt dann vom Märchen- und Zauberspiel?

Claus Peymann, als er vor vier Jahren die von Kleist widerwillig in das Fünf-Akte-Schema gepreßte, nur schwer zu überblickende Bilderflut in Stuttgart arrangierte, ließ den Historien-Reißer zugleich als Parodie auf die Gattung spielen – mit Gewinn: Hinter den Typen wurden Kleists Figuren sichtbar, Menschen in ihrem verzweifelten Glücksverlangen, ihrer Lebensqual. Johannes Schaaf, Erich Wonder, Maren Christensen (Kostüme,) Lucien Rosengart (Musik), Heidi Padleschat (Bewegungstraining) suchen in anderer Richtung. Zu lachen gibt es bei ihnen wenig. Aus großer Distanz, wie durch ein umgekehrtes Fernglas, schaut man in Düsseldorf auf eine versunkene Welt, deren Zeremonien und Rituale als fremdartige Gesten zelebriert werden. Das ist ein ehrlicher, ehrenwerter Zugang zu einem fast zwei Jahrhunderte alten Stück. Aber er rückt das Spiel noch weiter weg von uns.

Die Vorgeschichte, die Kleist, mühselig, einen ganzen Akt lang, vor dem heimlichen Gericht der Feme erzählet läßt; war in Stuttgart ein Skurriles Zeremoniell: Alle Informationen sollten rasch geliefert werden, um endlich die beiden Menschen, um die es geht, zu zeigen. In Düsseldorf fühlt man sich in eine „Zauberflöte“ bei Nacht versetzt. In einem blau ausgeschlagenen Bühnenkasten, der Licht erhält nur von einer Luke, aus dem Winkel von Rückwand und Decke gesägt, bewegen sich, in wunderbarer Choreographie, die Richter der Feme, große Schatten in bodenlangen, weiten Gewändern, schwarze Schleier über dem Kopf. So grell ist das von oben einfallende Licht, daß der blaue Samt des Bodens silbern zu strahlen scheint. Wie Schachfiguren gruppiert Schaaf die gesichtslosen Schattengestalten in immer neuen Mustern. Aber auch die ohne Schleier auftretenden Figuren, Käthchens Vater, der Graf, Käthchen selber, bleiben ohne „Gesicht“: Das von oben einfallende, gleißende Licht zerstört physiognomische Eigenheiten und Minenspiel, löst Köpfe auf in kubistische Strukturen von Hell und Dunkel.

Sollen wir überhaupt Menschen sehen? Blickfang ist (ähnlich wie in Wonders Bild für Flimms Inszenierung von Ionescos „Stühlen“ am Hamburger Thalia Theater) eine Plastikröhre an der Rampe, in der Wasser tröpfelt. Das könnte halbwegs realistisches Zeichen für die „unterirdische Höhle“ sein, in der Kleist den ganzen ersten Akt spielen läßt. Schaaf und Wonder setzen aber vor diese Silbersäule einen Mann, mit Rücken zum Publikum, dessen polierter Glatzkopf mit abstehenden Ohren ihn von den vermummten Femerichtern abhebt. Ober-Richter? Dafür scheint zu sprechen, daß Käthchens Väter und der Graf sich manchmal an ihn wenden. Aber da der Mann stumm bleibt, wird er, wie die Wassersäule, zu einem der schönen, befremdlichen Bilderrätsel, gegen die sich Schaaf und seine Darsteller nur schwer durchsetzen können. Schaaf läßt langsam sprechen: Die Bedeutung der Szene wird inszeniert, nicht diese selber.

Liebt dieses Käthchen (Susanne Granzer) ihren Ritter mit jener animalischen Sicherheit des Instinkts, der den Grafen an eine Hündin denken und zur Peitsche greifen läßt? Ist dieser Edelmann (Peter Simonischek) wider Willen von dem Bürgermädchen gebannt und bewegt sich auf sie zu mit einer ihn selber überraschenden Kraft des Gefühls, die gesellschaftliche Rücksichten oder Standesgrenzen nicht mehr kennt? Nein, diese in Bilder, Choreographie, Rituale, also in sich selber verliebte Inszenierung empfindet Menschen und Menschlichkeit für ihre kalten Kunstarrangements als störend.