„Ach wie werden mir schier alle Heerbergen abgestrickt auff der gantzen Welt“: Die Klage des schlesischen Edelmanns und Laientheologen Kaspar von Schwenckfeld bezeichnet stellvertretend das Elendslos jener „linken“ und „radikalen“ Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts, die, oft jahrzehntelang im Untergrund lebend, in ihrer Mehrheit ein klägliches Ende fanden: In Gefängnis und Emigration, auf dem Block und im Brand. Ihr – der von Luther als „Schwärmer“ und „Sakramentierer“ verketzerten Zu-Ende-Denker der Reformation – Leben und Werk mit Hilfe von knappen Biographien neu zu beleuchten, ist das Ziel eines Buchs, das mit dem Versuch ernst macht, Geschichte endlich einmal aus der Perspektive der Besiegten zu schreiben. Dabei tritt, ungeachtet der oft allzusehr popularisierenden Darstellung, viel unbekanntes Material zutage, gewinnen Namen Plastizität, die kaum mehr als Begriffe aus der Enzyklopädie „Die Geschichte in Religion und Gegenwart“ sind.

Dazu das Wichtigste: eine vorzügliche, die bisherige Forschung knapp resümierende Einleitung, die das linksreformatorische Lager in seinen Gruppierungen verdeutlicht. Da gab’s theologisch konservative, die politisch von gewalttätiger Radikalität waren (und umgekehrt), da überschnitten sich revolutio und restitutio, unterschieden sich die Spiritualisten von den Trinitäts-Gegnern, die kampfentschlossenen von den friedlichen Täufern, da läßt sich eine Fülle von Gegensätzen unter jenen Mitträgern und Sympathisanten der Reformation aufzeigen, denen nur eins gemeinsam war: die Ansicht, daß Luther, mit seiner dogmatischen Grenzziehung auf dem Gebiet von Theologie und Politik, das, was noch mitten im Fluß war, zu früh eingedämmt habe. Man wollte weiter – viel weiter als der Realpolitiker in Wittenberg gehen.

Ein nützliches, den Textband Heinold Fasts „Der linke Flügel der Reformation“ (1962) in angemessener Weise ergänzendes Buch geschrieben von den besten – zum Ich einzigen – Kennern der Materie, Wissenschaftlern, die ihr Habilitationsschrift-Wissen freilich nicht ganz so simpel hätten ausbreiten sollen. Die Diskrepanz zwischen der Einleitung, mit ihrem hohen Anspruch, und einer Reihe von gar zu oberflächlich geratenen Skizzen (daneben meisterhafte Kurzporträts!) ist ebenso augenfällig wie die befremdliche Tatsache, daß sich ein so illustres Kenner-Kollegium mit einer Bibliographie beschieden hat, die denn doch ein bißchen gar zu dürftig ausgefallen ist: Ein Hinweis auf die von Ludwig Fischer edierten lutherischen Anti-Müntzer-Pamphlete sollte – ein Beispiel für viele – ganz gewiß nicht fehlen, um so weniger, als hier zu lernen ist, wie man Sozialgeschichte und Theologie so verbinden kann, daß eines das andere erhellt und die wechselseitige Durchdringung der Elemente erkennbar wird – Marx irrte, als er die These aufstellte, daß der Bauernkrieg an der Theologie gescheitert sei.

Ein Buch also, das kritisch gelesen sein will und den Leser zu vergleichender Lektüre veranlaßt. Aber das ist schließlich nicht das Schlechteste – zumal, wenn es sich um das durch interessante Kurzskizzen provozierte Lesen von Primärtexten handelt.

Darum: ein lesenswertes Buch. („21 biographische Skizzen von Thomas Müntzer bis Paracelsus“, herausgegeben von Hans-Jürgen Goertz; BSR 183, C. H. Beck Verlag, München, 1978; 263 S., Abb., 17,80 DM.) Walter Jens