Von Klaus Viedebantt

Beinahe hätte ich vor Schreck das Steuer verrissen. Die kleine Schneelawine kam zu überraschend, der Krach, mit der sie auf die Motorhaube prallte, tat ein übriges. Ich fuhr wesentlich vorsichtiger weiter, nicht mehr eingelullt von der prächtig geräumten Straße. Der Winter in Alaska ist eine ernst zu nehmende Angelegenheit, auch wenn er sich mir in diesen Tagen nur mit blauem Himmel, weißen Bergen und Bilderbuch-Sonnenschein präsentierte.

Aber die Stadt muß man schon hinter sich lassen, wenn man Amerikas nördlichstem Bundesstaat in diesen Monaten etwas abgewinnen will. Anchorage, dank seines internationalen Flughafens der Anlaufpunkt für nahezu alle Besucher, kann mit seinen Reizen bestenfalls einen Tag lang fesseln: ein schmuckes Denkmal für den hier ansegelnden Entdecker Captain Cook an der mit Eisschollen übersäten Bay, ein hübsches Heimatmuseum mit interessanten Exponaten zur Landeskunde und ein Denkmal, vor der Stadthalle zum Gedenken an den Verkauf Alaskas an die USA durch die Russen – der beste Handel, den wohl je eine Nation mit einer anderen abschloß, wenn man es aus westlicher Sicht betrachtet.

Eine Stippvisite ist auch der „Erdbebenpark“ am Stadtrand wert. Hier sind noch die Verwerfungen erkennbar, die das große Beben 1964 anrichtete. 115 Menschen waren an diesem Karfreitag getötet worden, der Sachschaden wurde mit 300 Millionen Dollar summiert. In Anchorage waren ganze Straßenzüge zerstört worden. Die Stadt, vom Erdölboom sichtlich geprägt, ist längst wieder aufgebaut. Das Hotel, in dem ich wohnte, war auf den Ruinen anderer Häuser erbaut worden. Im Februar, während meines Besuchs, erlebte das Land erneut ein Beben, nach der Richter-Skala war es nur wenig schwächer als das Karfreitagsbeben, doch diesmal ging es ohne Schäden ab. Ich verschlief das Ereignis.

Damit sind Anchorages Reize erschöpft, sieht man von dem Flughafen ab, der Touristen grundlos als Attraktion ans Herz gelegt wird. Wer mehr erleben will, muß aus der Stadt hinausfahren, muß sich selbst eine Tour zusammenstellen. Das gelingt nur mit Mühen, denn Unterstützung erfährt der Besucher weder auf dem Flughafen noch in der Stadt. In der Ankunftshalle ist zwar ein Besucherpult als Untermieter des Militärbetreuungsschalters etabliert, aber dort erhält man nur eine paar verlorene Prospekte. Und das schmucke Blockhaus im Stadtzentrum mit der Aufschrift „Tourist Information“ habe ich nur geschlossen erlebt.

Wer sich solcherart auf eigene Faust um lohnenswerte Ziele bemüht, wird unweigerlich auf den Namen „Alyeska Ressort“ stoßen, eine Ferienanlage etwa 60 Kilometer außerhalb von Anchorage. Sie wird von einem Deutschen geführt, der mit Zeitungsanzeigen, Rundfunkdurchsagen und Prospekten für sein „Skiparadies“ wirbt.

Seine Anlage. vermag Skifreunden in der Tat ein außergewöhnliches Erlebnis bieten: Die Abfahrten reichen fast bis auf Meereshöhe hinab. Das komfortable, von Ferienhäusern umgebene Hotel liegt nur wenige Meter oberhalb des Fjordes, der sich südlich der Stadt weit ins Land hineinzieht. Das Tal, von 1000 bis 1300 Meter hohen Bergen umgeben, ist vorzüglich erschlossen und bietet Abfahrten aller Schwierigkeitsgrade. Allerdings beschränkt sich das präparierte Skirevier im wesentlichen auf eine Bergflanke, ringsum im weiten Umkreis ist zwar eine pittoreske, aber für den Skilauf nicht erschlossene Naturparklandschaft. Skizirkusgewohnte Alpine werden sich leicht eingegrenzt vorkommen.