/ Von Marianna Butenschön

Im Frühjahr 1974 wurde in Moskau ein kostspieliger Entwicklungsplan für eines der Sorgenkinder der sowjetischen Landwirtschaft beschlossen, für die Bereiche der Russischen Föderation, die nicht zur Zone der „Schwarzen Erde“ gehören. Jetzt, im Frühjahr 1979 wird deutlich, daß die übereifrigen Verfechter einer allzu schnellen Modernisierung des russischen Dorfes sich wieder einmal verplant haben.

„Mich beunruhigt das Schicksal unseres Dorfes“, schrieb Anfang dieses Jahres A. Schatalowa, eine Melkerin aus dem Dorf Parusnoje im Sowchos „Chmelinezkij“, Gebiet Lipez, an die Parteizeitung Prawda. „Mit Schmerz schaue ich auf die dunklen Fenster der zugenagelten Häuser, auf die kleingewordenen, einst kinderreichen Familien, auf die sich lichtenden Kinderschwärme auf dem Schulhof... Die Dorfgenossen ziehen einfach fort. Irgend etwas hat sie in die Ferne gelockt und daran gehindert, in der Heimat zu arbeiten. Wie kommt das?“

Die Ursachen für die anhaltende Landflucht in der UdSSR sind seit langem bekannt und erforscht: Schlechte Lebens-, Arbeits- und Einkommensverhältnisse auf dem Land treiben immer noch jedes Jahr Millionen Menschen, vor allem junge Fachkräfte, in die Stadt. 1970 lebten dort 56 Prozent der sowjetischen Bevölkerung, 1978 waren es bereits 63 Prozent.

In einigen zentralrussischen Gebieten verringert sich die Bevölkerung. Viele tausend Dörfer sind von der Landkarte verschwunden. Im Einzugsgebiet des Kama-Nebenflusses Wjatka wurden allein während des 9. Fünfjahrplans (1971–1975) über zweitausend Ansiedlungen aufgegeben – jeden Tag ein Dorf.

Der Entwicklungsplan vom April 1974 sollte die Landflucht eindämmen und die planlose Wanderung der Bevölkerung von einem Dorf ins nächste bis 1990 in geregelte Bahnen lenken. Festgelegt wurde in der entsprechenden Verordnung des ZK der KPdSU und des Ministerrats der UdSSR zu diesem Zweck „ein großes Programm zur Umwandlung der Dörfer und Weiler zu wohlausgestatteten Sowchos- und Kolchossiedlungen“.