Von Ossip K. Flechtheim

Es passiert nicht jeden Tag, daß ein junger Autor den Anspruch, eine neue Gesellschaftstheorie klar und eindringlich darzustellen, einlöst. Die Erstlingsschrift von

Joseph Huber: „Technokratie oder Menschlichkeit – Zur Theorie einer humanen und demokratischen Systementwicklung“; Achberger Verlag; Achberg 1978; 264 S., DM 15,–,

wird ihm gerecht. Der Mitarbeiter von Ota Sik und Fritz Vilmar geht über deren Konzeption eines Dritten Weges jenseits von Kapitalismus und Staatskommunismus hinaus, indem er in kritischer Auseinandersetzung mit Marx Elemente aus der Tradition von Proudhon (den er freilich nicht erwähnt), Burnham, aber auch des funktionalen Sozialismus des Schweden Adler-Karlsson und der Geld- und Kredittheorie des Steiner-Anhängers Schwundt aufnimmt.

Mit diesen Bausteinen errichtet Huber ein humanes und radikaldemokratisches Gegenmodell gegen den „etatistischen Monopolkapitalismus“ des Ostens wie gegen den „konzentristischen“ des Westens. Für ihn besteht „die grundlegende Alternative... immer weniger zwischen Kapital und Arbeit und dafür immer mehr quer durch alle Klassen und rund um die Erde zwischen Technokratie und Menschlichkeit“. Haben sich doch die Strukturen der Technik und Wirtschaft, die Organisationen und Institutionen des Marktgefüges und der Politik – der „Apparat“ oder die „Megamaschine“ im Sinne von L. Mumford – immer mehr von dem Ganzen der Natur und Gesellschaft losgelöst und damit auch der Natur des Menschen als Person entfremdet.

Recht ausführlich skizziert nun Huber sein ökonomisches Modell. Es beruht auf einer dezentralen Rahmenplanung ohne Staatsintervention, auf einer Marktordnung ohne Privateigentum an den Produktionsmitteln, auf dem Einfrieren des Wertpapiermarktes und der Verteilung des Geldes durch Verhandlung statt durch Handel und nicht zuletzt auf der Kapitalneutralisierung. So würde nicht nur der Militär-, sondern auch der Wohlfahrtsstaat überflüssig werden. An die Stelle der Verstaatlichung (aber auch Vergenossenschaftung) oder (Re)-Privatisierung treten miteinander konkurrierende Unternehmen, die sich selbst gehören. Es sind Stiftungen, in die das Kapital eingebracht wird und die demokratisch geleitet werden. Dieses Modell ist zweifellos so gewagt und gewichtig, daß es eine gründliche Analyse auch von seiten der Fachökonomen verdient.

Was Huber zur Politik, Justiz und Kultur zu sagen hat, ist weniger detailliert und originell. Sein Begriff der Demokratie als Dialog und Gleichgewicht zwischen Diktatur und Anarchie, seine Vorstellung von antagonistischer Kooperation oder von der Vielfronten- und Doppelstrategie bleiben vage. Fraglich ist auch, ob er nicht das noch immer beachtliche Gewicht des Kapitals im Vergleich zu Technokratie und Demokratie unterschätzt. Nicht recht deutlich wird das Menschenbild, das einem neuen System zugrundeliegt. Es scheint von dem Ideal der Herrschaftslosigkeit und der Liebe im Sinne Erich Fromms geprägt zu sein.