Von Klaus Peter Schmid

Es geschah am 16. März. Im Ärmelkanal, ein paar Kilometer vor der bretonischen Küste, trieb ein Riesentanker mit gebrochenem Ruder in der stürmischen See. Wind und Wellen drückten den unlenkbaren Koloß unerbittlich in Richtung Land. Nach zwölf Stunden vergeblichen Kampfes gegen die Gewalten rissen die Klippen vor dem Fischerhafen Portsall ein riesiges Loch in den Schiffsrumpf, über 200 000 Tonnen Rohöl flossen aus dem Leck ins Meer. Die größte Ölkatastrophe der Geschichte nahm ihren Lauf.

Genau ein Jahr ist es her, daß die „Amoco-Cadiz“ strandete und schließlich in zwei Teile zerbrach. Viel ist von den Folgen der Ölpest nicht mehr zu sehen. Herbst- und Winterstürme haben die letzten Spuren der stinkenden Pest von Felsen und Stränden gewaschen. Sogar das geborstene Wrack, dessen Bug wie das Maul eines Riesenhais aus dem Meer ragte, ist in den Wellen versunken. Fische, Schalentiere, Algen und Vögel haben offensichtlich weniger Schaden genommen, als in den Tagen des Unheils befürchtet worden war. Sind die Folgen der Katastrophe etwa schon ausgestanden?

Vor einigen Wochen gab die Natur selbst eine Antwort. Plötzlich war der Strand von Portsall wieder mit einer Ölschicht bedeckt, die aus dem Bauch des Wracks angetrieben war. An manchen Stränden genügt es schon, im Sand zu graben, um auf Öl zu stoßen. Der Meeresboden scheint an manchen Stellen mit Öl regelrecht vollgesogen, das bei entsprechender Strömung an die Oberfläche tritt.

In den ersten Winterwochen, als eine stürmische See den Meeresgrund aufwühlte, beobachteten die Bretonen, daß an manchen Küstenstreifen die Meerestiere erneut in Massen verendeten. Noch heute wagt niemand eine Prognose, wann die Austernbänke in den Abers, den fjordähnlichen Buchten, wieder besetzt werden können. Im ganzen scheint die Lage zwar zufriedenstellend, doch die Wissenschaftler sind sehr zurückhaltend, wenn man sie nach den Langzeitwirkungen fragt.

Die Bewohner der Küste zwischen Paimpol und dem Kap von Saint-Mathieu halten indes mit ihrem Groll nicht zurück, wenn man sie auf die „Amoco-Cadiz“ anspricht. Ihnen geht es vor allem ums Geld. „Jedermann wird entschädigt“, hatte ihnen vor einem Jahr die Regierung im fernen Paris versprochen. Doch heute sind viele bitter enttäuscht, weil sie noch keinen einzigen Franc gesehen haben. Und in der Bretagne hat man ein gutes Gedächtnis: Als 1967 die „Torrey Canyon“ die erste große Ölpest auslöste, zog sich die Entschädigung über acht Jahre hin.

Das Pariser Finanzministerium rechnet dagegen vor, daß der Staat bereits 460 Millionen Francs (rund 220 Millionen Mark) ausgegeben hat, um der Ölpest und ihren Folgen zu Leibe zu rücken. Darunter angeblich 45 Millionen für die Entschädigung der besonders hart getroffenen Bretonen. Doch mancher Hotelier behauptet, vor leeren Kassen zu stehen. Die Fischer klagen ohnehin, daß sie zu kurz kommen. Und sogar ein Vertreter der Campingplatzbesitzer lamentierte: „Mehrere von uns sind praktisch zahlungsunfähig.“