ZEIT: Nach dem Eintritt Chinas in die Weltpolitik grassiert in manchen Kreisen die Vorstellung, daß sich dort in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine Bonanza für die deutsche Wirtschaft eröffne. Teilen Sie diese Vorstellung?

Wolff: Ich habe schon ganz zu Anfang, als die ersten Erfolgsmeldungen aus dem Bergbausektor kamen, dieses als eine große Offerte der Chinesen bezeichnet. Aus zwei Gründen bin ich aber nicht in der Lage, die inzwischen durch die deutschen Vorstandsetagen geisternden Milliardenbeträge als realistisch zu betrachten. Erstens gibt es zu viele Konkurrenten in der westlichen Welt, die billiger anbieten können als wir. Zweitens sind die Chinesen Leute, die bestimmt nichts bestellen werden, wenn sie nicht sicher sind, daß sie dafür bezahlen können – und sei es auch auf Kredit.

ZEIT: Halten Sie das Modernisierungsprogramm der Chinesen für realistisch?

Wolff: Für realistisch halte ich die Prioritäten, die sie setzen, vor allem den Schwerpunkt Energie-Entwicklung. Daher glaube ich auch, daß es bei den Verhandlungen über den offenen Tagebergbau wahrscheinlich zu Abschlüssen mit deutschen Firmen kommen wird. Dabei sollte man aber nicht vergessen, daß darüber schon drei oder vier Jahre verhandelt wird. Diese Abschlüsse sind das Resultat zäher Vorarbeit. Letztlich, sind sie möglich geworden, weil die deutsche Braunkohlenförderungstechnik auf der Welt fünf Jahre Vorsprung besitzt. Einen zweiten Schwerpunkt setzen die Chinesen bei der Erdölförderung. Das eröffnet vor allem jenen ein Betätigungsfeld, die über Erfahrung in der Off-shore-Technik verfügen, besonders den Amerikanern. Für den Ausbau der chinesischen Stahlindustrie gibt es bereits handfeste Abkommen mit Japan. Auch die deutschen Firmen haben da Chancen. Doch muß man realistisch sehen, daß sich der Bau bis in die neunziger Jahre hinziehen wird. Eine Größenordnung von 28 Milliarden Mark wäre, über diesen Zeitraum gesehen, wohl machbar.

ZEIT:Wie eigentlich will Peking all die Käufe im westlichen Ausland finanzieren?

Wolff: Ich war im Oktober 1977 zusammen mit Bundesaußenminister Genscher in Peking. Damals fiel zum erstenmal in einer Unterhaltung mit dem Außenhandelsminister das Wort Kredit – früher hatte man nur schamhaft über „aufgeschobene Zahlungen“ gesprochen. Im übrigen erlösen die Chinesen aus dem Handel mit Hongkong und anderen asiatischen Ländern Überschüsse und besitzen Gold- und Silbervorräte, die aber schwer zu schätzen sind.

ZEIT: Werden sie Kompensationsgeschäfte fordern?