I Vor vierzig Jahren rollten deutschePanzer über den Wenzelsplatz. Doch die Annexion der Tschechoslowakei "war keineswegs von langer Hand geplant. Wie der tschechische Historiker Ivan Pfaff (Heidelberg) in den Archiven von Prag, Bonn und Freiburg herausfand, hat Hitler diesenGewaltakt improvisiert. Erleichtert wurde sein Spiel durch die Naivität der Prager Politiker, die alle Warnungen in den Wind geschlagen hatten. Die Analogie zum August 1968 ist beklemmend.

Von Ivan Pfaff

Es muß möglich sein, die Rest-Tschechei jederzeit zerschlagen zu können", verlangte Hitler am 21. Oktober 1938, zwei Wochen nach dem Münchner Abkommen, in einer Weisung an das Oberkommando der Wehrmacht. Wenige Tage zuvor schrieb der Leiter der in der Tschechoslowakei (ČSR) übriggebliebenen deutschen Minderheit nach Berlin: "Dieser Raum muß in die außenpolitische und militärische Oberhoheit des Reiches gelangen, weil das deutsche Volk nur Herr in Mittel- und Südosteuropa sein kann, wenn es Herr in Böhmen ist. Durch die politische Eroberung des böhmisch-mährischen Raumes würde das deutsche Schwert über Prag und Preßburg mit seiner Spitze bis in die Ukraine und auch in Richtung des rumänischen Erdöls reichen."

Es wäre jedoch verfehlt, von diesen Aussagen auf eine deutsche Politik zu schließen, die seit München konsequent und kontinuierlich auf eine Vernichtung der Tschechoslowakei abzielte. Zwischen dem 30. September 1938 und dem 15. März 1939 verlief sie vielmehr in zwei einander entgegengesetzten Phasen; die Wende setzte erst zwischen dem 8. und 13. Dezember ein. Bis dahin dachten die Nationalsozialisten und das Auswärtige Amt noch an eine gemäßigte Variante, an eine nichtmilitärische, vertragliche Unterwerfung der CSR, wobei die Souveränität und die territoriale Integrität des Landes formell aufrechterhalten bleiben sollten.

Im Auswärtigen Amt wurde sogar der Entwurf eines deutsch-tschechoslowakischen "Freundschaftsvertrages" – vorgeschlagen am 7. Oktober von Staatssekretär von Weizsäcker, vorgelegt dem Reichsaußenminister von Rippentrop am 25. November – ausgearbeitet. Vorgesehen war darin eine "Anpassung" der Innen-, Außen-, Militär- und Wirtschaftspolitik der ČSR an die des Deutschen Reiches.

Die Erwartung des nach London emigrierten Expräsidenten Benesch, die ČSR würde erst am Vorabend oder bei Beginn des Weltkrieges besetzt werden, war also zu jener Zeit realpolitisch ebenso berechtigt, wie die Hoffnung des neuen Prager Regimes, daß der seit dem Münchner Abkommen verkrüppelte Staat auf längere Sicht als neutrales, von vier Großmächten (Deutschland, Italien, England, Frankreich) garantiertes Land erhalten bleiben könne.