Von Norbert Denkel

Reise-Bilder-Bücher: Das sind Reiseberichte, Umschreibungen von Fremde. Wörter und Bilder, zu denen man greift vor oder nach eben: einer Reise. Jede Reise, und sei es nach Hinterposemuckel um die Ecke, ist vielen etwas Besonderes, es ist die zugegeben illusionäre Lust an der Häutung, Herausforderung an die Kehrseite des Alltags.

Und was gibt es alles für Reisen: Dienstreisen, Vergnügungsreisen, Bildungsreisen, Luxusreisen, Entdeckerreisen, Erholungsreisen, Hochzeitsreisen, Abenteuerreisen – aber wo immer man aus welchem Grund auch hinaus will, mindestens ein Buch ist schon da, hier.

Irgend jemand war vorher an den photogenen Punkten und hat Bücherbilder gemacht im Bestreben, etwas Besonderes zu treffen: den Blau-Blau-Himmel, die Rot-Rot-Abendröte, die Grün-Grün-Wiesen. Sozusagen die Fortsetzung der Prospekt Versprechungen mit ähnlichen Mitteln.

Das Erleben wird so bereits vorgeformt zum Vorurteil. So weit, daß an manchen bevorzugten Stellen gar Schilder mit riesigen Photoapparaten stehen: Achtung! Photographieren! ruft das Piktogramm, klickheischendes Vorbild für den Nachbildner.

Um ihn und seinesgleichen, gutwillige aber verführte Fremdlinge – um sie herum scheinen die Reisebildbände gemacht zu sein. Die Ware Buch, angegliedert der Ware Urlaub, und natürlich genauso erfolgreich. Jedenfalls dann, wenn der Pfad der Tugend nicht verlassen wurde: mit vorgestanzten Berg-, Tempel- und See-Stücken, angereichert mit dem „Homo Folkloristico“.

Eine merkwürdige Sprachlosigkeit macht sich dabei breit, denn in kaum einem Buch sind die direkten Kontrahenten des Reisenden vertreten: der Zöllner, der Bahnschaffner, der Taxifahrer, der Kellner, der Polizist, der Kuchenverkäufer und all die anderen Mitmenschen meist fremder Zunge, denen man im Verlauf einer Reise ausgeliefert ist. Unser Blick wird scheinbar emporgehoben, denn statt der gewöhnlichen Realität entfalten sich Versatzstücke aus Vergangenem, Unvergänglichem und Zeitlosem. Das paßt alles fabelhaft für einen bestimmten Typ: den „Homo Turistico“.