Zunächst schwankt man. Vorzüge und Nachteile sind eng miteinander verquickt. Die Themen sind vorzüglich. Da führt uns Martin Kakies, der Herausgeber, in einer Reihe, die sich programmatisch „Ostdeutsche Bildbände“ betitelt (Verlag Gerhard Rautenberg, Leer/Ostfriesland), in je 144 Bildern (Preis für jeden Band 24,80 DM) frühere ostpreußische Gebiete vor: einmal zum Beispiel „Das Ermland“, einst katholische Enklave in protestantischer Umgebung, einmal „Masuren“, das Land der „tausend“ Seen, wobei „tausend“ als Beispiel eines Understatements aufzufassen ist, denn ein auf größere Genauigkeit erpichter Kenner hat, heißt es, festgestellt, daß es sich in Wirklichkeit um dreitausenddreihundert Seen handelt.

Das Bild auf dem Umschlag des „Ermland“ Bandes stellt die wundervolle Muttergottes aus dem gotischen Dom zu Frauenburg (heute polnisch: Frombork) dar, in dem sich auch das Grabmal des Nikolaus Kopernikus (1473–1543) befindet. Welche Möglichkeiten, diese früher deutschen Lande zu zeigen, Städte, Schlösser, Rat- und Bürgerhäuser, Kirchen, Märkte, Bauern, Handwerker, Fischer! Aber das sind bei Kakies unzureichend genutzte Chancen. Mit den Begriffen „ostdeutsch“ und „ostpreußisch“ wird in einer fast lautlos-störrischen Manier operiert, als handle es sich um Gegenwart, nicht Vergangenheit. Manches ist ansprechend, so zum Beispiel die gepflegt-romantisierenden Vorworte von Maria Elisabeth Franzkowiak-Bischoff und Ruth Geede. Aber alles, was uns, in Wort und Bild, geboten wird, ist zuweilen rührende, mehr jedoch muffige Gestrigkeit oder Vorgestrigkeit. Die Photos sind, wie man im Masuren-Band nachlesen kann, alle „in der Zeit vor der Vertreibung“ gemacht, daher auch vorwiegend nicht auf der Höhe von heute.

Im Klappentext liest man: „Im Ersten Weltkrieg wurde von Hunderttausenden deutscher Soldaten in der Schlacht von Tannenberg Masuren wieder befreit.“ Hier, im Kontext mit allen anderen Erläuterungen, ist das, zumal da eine alte Aufnahme des Tannenberg-Denkmals den Masurenband abschließt, purer Chauvinismus. Wir sollten allmählich kapieren, daß jede Schlacht der Weltgeschichte, natürlich auch jede „siegreiche“, immer zugleich eine schmähliche Niederlage dessen bedeutet, was uns (nicht wahr?) am kostbarsten ist: die Humanität.

René Drommert