Die Krankheit Mensch und ihr Prophet Theodor Lessing

Von Elisabeth Lenk

Max Weber beschreibt in seiner Studie über das antike Judentum die seltsamen Gestalten der Unheilspropheten. „Ungebeten und von sich aus getrieben schleudern sie ihre furchtbaren Orakel der Hörerschaft entgegen.“ Man täte Theodor Lessing Unrecht, wenn man ihn einfach als Opfer, Opfer der deutschen Borniertheit, des Antisemitismus und Antiintellektualismus hinstellen wollte. Er hatte die unheilvolle Gabe, Widersprüche, die erst später ins Bewußtsein, treten sollten, um sich herum zu entfesseln. Wäre Lessing Mitglied einer politischen Gruppierung oder Partei gewesen, so hätte man ihn zweifellos nicht so sang- und klanglos aus der Universität entfernen, in der Öffentlichkeit unmöglich machen und schließlich ermorden können. Aber er war allein, so allein, daß sich unterm Schutz des Prorektors 1925 ein Komitee zur Bekämpfung von Theodor Lessing bilden konnte, daß Rektor und Senat ohne weiteres seiner Suspendierung zustimmten. Nur eine verschwindend kleine Zahl von Hochschullehrern und Schriftstellern in ganz Deutschland protestierte damals, von den Studenten zu schweigend Am Tage, da der Reichsfeldmarschall Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt worden war, veranstalteten Hannoveraner Studenten einen Fackelzug zu Ehren dieses Ehrendoktors ihrer Universität. Anschließend zogen sie vor Theodor Lessings Wohnung und pfiffen ihn, den Spielverderber, aus. Seinetwegen kam es zu Streiks, ein eigens hierfür von der Bahn zur Verfügung gestellter Sonderzug brachte die streikenden Hannoveraner nach Göttingen, wo sie von ihren Kommilitonen jubelnd begrüßt wurden. „Jagdszenen aus Niedersachsen“, sagt treffend Hans Mayer in dem Essay „Theodor Lessing“. Es entsteht das Bild eines negativen Konsens, der dem negativen Konsens gegen die „Terroristen“ und ihre „Sympathisanten“ nicht unähnlich ist. In dem gegen Lessing hetzenden und keifenden Chor sangen die Deutschnationalen, die Nationalsozialisten (allen voran der Germanist Goebbels), sang aber auch der deutsche „Pöbel der Gebildeten“ mit. Doch sollte man bei den politischen Peinlichkeiten des „Falles“ nicht stehenbleiben. Sie haben nämlich ihre Wurzeln in einer tieferen Schicht.

Man hat Lessing mit Karl Philipp Moritz verglichen, seine Autobiographie „Einmal und nie wieder“ mit Moritz’ „Anton Reiser“. Die Rolle Goethes hätte dann Thomas Mann spielen müssen; aber da hört die Analogie auch schon auf. Nicht nur hat Thomas Mann den Bedrängten nicht gefördert wie Goethe es mit Moritz getan hat, nicht nur hat er ihn nicht gegen die üble Nachrede der anderen in Schutz genommen, sondern Thomas Mann ist nachgerade als Vorsänger des gehässigen Chores aufgetreten. In seinem Pamphlet „Dr. Lessing“ aus dem Jahre 1910 schreibt der schon damals berühmte Mann: „Woher nimmt dieser ewig namenlose Schlucker, dem die Trauben der Dichtung zu hoch hängen, das innere Recht zur Aggressivität und zur lyrischen Unverschämtheit?“ Nach Thomas Mann hat nur derjenige dieses Recht, der zum „Richter der Zeit“ berufen ist, der als „symptomatisch“ und „repräsentativ“ gelten kann. Durch welches Gottesgnadentum diese Ehre zuteil wird, wird allerdings nicht gesagt. Immerhin verrät er soviel, daß bürgerliche Wohlanständigkeit und Kinderstube Voraussetzung sind. Thomas Mann hatte damals, so schien es, ein für allemal das Urteil der Geschichte über Lessing gesprochen.

Noch den Verteidigern Lessings fällt es schwer, ihn einzuordnen. Man betont, er habe zwar politisch erstaunlich klar gesehen, etwa, wenn er in aller Entschiedenheit vor der Wahl Hindenburgs warnte, er sei überdies ein ausgesprochen wahrheitsliebender und selbstkritischer Mensch gewesen, was in seinen Lebenserinnerungen zum Ausdruck komme; was jedoch seine eigentlichen Ambitionen betreffe, daß er glaubte, literarisch oder gar philosophisch etwas zu sagen zu haben, sei eine liebenswerte Selbsttäuschung. Lessing hat Gedichte, Satiren, ja sogar Dramen geschrieben, hätte sich aber, selbst wenn Thomas Mann ihm diese Ehre nicht ex cathedra abgesprochen hätte, gegen die Einstufung als „Dichter“ gesträubt. Aber auch ein Professor im üblichen Sinne war Lessing nicht. Über die Klüngel- und Vetternwirtschaft an deutschen Universitäten und über die selbstgerechte Mittelmäßigkeit seiner Kollegen hat Lessing, der immerhin 20 Jahre – unbesoldet. allerdings – in Hannover lehrte, geredet, als gehörte er nicht dazu. Die „Würde“ eines Durchschnittsprofessors kam ihm schon deshalb nicht zu, weil er gezwungen war, durch Schriftstellern sein Leben zu verdienen. Überdies nahm er es sich heraus, öffentlich seine Meinung zu sagen, was damals wie heute einem Beamten ungern oder gar nicht zugestanden wurde. Sehr aktuell mutet es an, wenn Lessing im Jahre 1925 schrieb: „Gewiß, die Behörden und die Fachgenossen geben gern zu, daß auch ich das Recht habe, meine Meinung frei zu sagen; aber soeben noch hat der preußische Landtag konstatiert, daß ein Professor eine solche Meinung eigentlich nicht haben darf. Und wenn ich in dem großen Mordprozeß in meiner Heimatstadt, in dem Haarmann-Prozeß, jüngst die Wahrheit suchte, so sagt man mir: dein Ethos ist ja gewiß menschlich und begreiflich, aber das preußische Kultusministerium muß leider bemerken, daß ein Beamter ein solches Ethos nicht haben sollte.“

Der fühllose, geistlose Geist

Was immer er anfing, so konstatiert Lessing selbst, immer lautete das Urteil, das man seit seiner Schulzeit über ihn fällte, „nicht schulgemäß“.