Jetzt haben auch die Bonner Christdemokraten ihren "Fall Guillaume". Drei Sekretärinnen werden als Agentinnen der DDR verdächtigt.

Harmlos an der Oberfläche, darunter brodelndes Agentenleben – dieses Bild von einer kleinen Stadt in Deutschland ist Roman, aber es enthält auch ein Stückchen wahre Geschichte. Wieder einmal heißt der Tatort: Bonn und sein Vorzimmer-Ambiente. Dreimal in einer knappen Woche haben sich Sekretärinnen aus der Hauptstadt abgesetzt, sind verhaftet worden oder in Ostberlin wieder aufgetaucht: Vorzimmerdamen aus dem Büro Kurt Biedenkopfs, Werner Marx’ und aus, dem Konrad-Adenauer-Haus; alle drei waren mindestens vorübergehend in der Bundesgeschäftsstelle der Union beschäftigt.

Ob entgegen allen Behauptungen doch der übergelaufene Ostberliner Oberleutnant Werner Stiller, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und der bedeutendste Informant "seit Jahrzehnten" (Generalbundesanwalt Rebmann), oder ob die Nato-Sekretärin Ursel Lorenzen den Stein ins Rollen brachten – über all das herrscht noch weithin Rätselraten. Offen ist auch noch – so der Stand bei Redaktionsschluß – ob Enttarnungen wirklich bevorstanden und schließlich sogar, ob es sich wirklich in jedem Fall um Agententätigkeiten gehandelt hat.

Die "Damenriege"

Wenn sich bewahrheitet, daß Christel Broszey, Sekretärin im Abgeordnetenbüro des stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Kurt Biedenkopf, längere Zeit als Agentin "aktiv" gewesen ist, gäbe das der Serie von Spionagefällen eine neue Qualität. Die 31 jährige Frau Broszey aus Hamm in Westfalen ist eher per Zufall bei der CDU gelandet. Sie bewarb sich auf Grund einer Chiffreanzeige. Angeblich seit einem halben Jahr ist sie mit einem in der Industrie beschäftigten Mann aus Düsseldorf befreundet, verheiratet war Christel Broszey nicht. Sie arbeitete seit 1971 in der CDU-Zentrale; und kontinuierlich bei den Generalsekretären, also bei Bruno Heck, Konrad Kraske, Kurt Biedenkopf und kurze Zeit auch bei Heiner Geißler. Biedenkopf holte die "bestbezahlte Sekretärin des Adenauer-Hauses", wie es dort heißt, später in sein Bundeshausbüro am Tulpenfeld. Parallelen zum Fall Guillaume, dem DDR-Offizier im Dachstübchen des Kanzleramts, der nun wahrlich für seine Aufgabe bestens placiert war, drängen sich da durchaus auf. Wäre zur selben Zeit nicht nur die Regierung, sondern auch die Spitze der Opposition unter "Kontrolle" gewesen?

Am Freitag vergangener Woche hatte Christel Broszey eine Stunde vor der üblichen Zeit das Büro verlassen, weil sie zum Friseur wollte wie sie sagte. Am Montag untersuchten Staatsanwälte ihre Wohnung, als sie nicht zur Arbeit erschien – und sie glauben, fündig geworden zu sein. Ein Kopiergerät zum Beispiel dient als Beweis. Und es muß so ausgesehen haben, als habe Christel Broszey die Wohnung in großer Eile verlassen.

Nicht der Friseur, sondern Magenbeschwerden waren es bei Inge Goliath, seit zehn Jahren Sekretärin des deutschlandpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Fraktion Werner Marx, die sie davon abhielten, in ihr Büro zu kommen. So teilte sie es telephonisch dem Assistenten des CDU-Abgeordneten "mit dem bedeutenden Namei", wie Herbert Wehner das sagt, mit; ob sie Freitag kommen könne, ließ sie offen. Da muß die 37jährige dann bereits mit ihrem Mann, Wolfgang Goliath (43) und mitsamt den beiden Autos auf dem Weg nach Ostberlin gewesen sein. Von dort kam am Sonntagabend die ADN-Meldung, die beiden hätten in der DDR "um politisches Asyl nachgesucht".