St. Gallen ist eine Stadt mit viel Licht und Luft. Selbst in der Altstadt, in deren Kern sich das ehemalige Benediktinerkloster erhebt, hat man nie das Gefühl von Enge; denn die schmalen, krummen Gassen aus dem Mittelalter weiten sich immer wieder in schöne, mit rauschenden Brunnen und Denkmälern geschmückte Plätze.

Eingebettet in ein breites Hochtal konnte sich die Stadt bis zu den Talrändern strecken. Ihre neuen Siedlungen wuchern inzwischen langsam die sanften Hügel hinauf. Aber auch sie lassen noch genügend Erholungsraum mit viel Grün. Dieser inmitten eines fruchtbaren Alpenvorlandes in rund 700 Metern Höhe gelegenen Großstadt ist die Synthese von Stadt und Land, von Tradition und Fortschritt, Geschäftigkeit und Beschaulichkeit in hohem Maße gelungen.

Bei einem Bummel durch die Stadt können die Barocktürme der Kathedrale als Wegweiser dienen. Sie erscheinen immer wieder im Hintergrund einer Straße oder über dem Rot der Ziegeldächer. St. Gallen ist trotz seiner Größe immer noch so übersichtlich, daß man wohl die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auch dann zu sehen bekommt, wenn man ziemlich ziellos durch die Straßen schlendert. So wandert man etwa vom Hauptbahnhof aus durch die geschäftige St.-Leonhard-Straße zum Platz mit dem Broderbrunnen, der an eine denkwürdige Begebenheit aus der Geschichte St. Gallens erinnert:

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war die Stadt so gewachsen, daß die alten Brunnen nicht mehr ausreichten. Daraufhin versuchte man, auch gegen den Protest der gebirgswassergewöhnten St. Gallner, Wasser aus dem Bodensee zu holen. Eine Leitung wurde verlegt und das sauber gefilterte Bodenseewasser hineingepumpt. Unmittelbar nach der feierlichen Eröffnung des neuen Wasserwerkes ging ein großes Gezeter los. Dem einen schmeckte das Wasser plötzlich nach Algen, dem anderen nach Fischen, einigen sogar nach dem Schweiße badelustiger Schwaben. Es drohte beinahe eine kleine Stadtrevolution zu werden, als der maßgebende Kopf der neuen Wasserversorgung damit herausrückte, daß er die neue Zuleitung bereits eine Woche vor dem Stichtag angeschlossen habe.

Vom Broderbrunnen erreichen wir durch die Obere Grabengasse den Gallusplatz und damit das Herzstück der Stadt. Der Heilige Gallus, ein irischer Mönch, hatte sich hier in der grünen Wildnis zwischen dem Bodensee und den Hochalpen als Eremit niedergelassen, um in der Einsamkeit Gott zu dienen. Über seiner Klause entstand etwa hundert Jahre später die Benediktinerabtei St. Gallen, die sich alsbald zu einer der bedeutendsten Klostersiedlungen diesseits der Alpen entwickelte. Wie sehr Künste und Wissenschaften in dieser Klostergemeinschaft gepflegt wurden, läßt sich heute noch bei einem Gang durch die prachtvolle, im Spätbarock erbaute Stiftskirche sowie besonders durch die Stiftsbibliothek erahnen, die die griechische Inschrift über dem Portal als „Seelenheilstätte“ bezeichnet. Sie gilt nicht nur als schönster Rokokoraum der Schweiz, sondern birgt unter ihren mehr als hunderttausend Bänden einige Schätze: zum Beispiel mehrere tausend wertvolle Handschriften aus der Blütezeit des Klosters im achten und neunten Jahrhundert, eine große Zahl prachtvoller Wiegendrucke und auch den ersten Versuch einer Art Notenschrift, bei der die Stimmführung durch primitive Zeichen angedeutet wird. Dabei ist das Ganze nicht etwa ein Museum, sondern dient auch heute noch als Lese- und Ausleihbibliothek.

St. Gallen besitzt reizvolle Gegensätze: Reichgeschnitzte Erker an barocken Bürgerhäusern und im ehemaligen Klosterbezirk wechseln mit den modernen Fassaden an den lebendigen Boulevards der Neustadt ab; und besonders augenfällig: die Verschiedenheit des alten wissenschaftlichen Zentrums der Stiftsbibliothek und der neuen, hoch am Hang errichteten Handelsakademie. Betonrippen und viel Glas beziehen hier die Landschaft gewissermaßen mit ein in das kühle Klima, das im Innern eines derartigen Instituts herrscht. Von der Hochschule aus kann man über die Stadt und das ganze Hochtal blicken. Aus dieser Perspektive versteht man auch, weshalb St. Gallen für Fahrten und Wanderungen durch weite Gebiete der Ostschweiz ein geradezu idealer Ausgangspunkt ist.

Die Stadt liegt wie eine Spinne in einem dichten Netz von Straßen und Schienensträngen nach allen Richtungen. Eine Hauptverkehrsader, über die man in der Regel über Friedrichshafen und Rohrschach nach St. Gallen kommt, führt hinunter zum Bodensee. Doch in St. Gallen benötigt man kaum ein eigenes Fahrzeug. Omnibuslinien und die kleinen bergauf- und bergabkletternden Schmalspurbahnen fahren alle wichtigen Stationen an, auch die etwas außerhalb liegenden Ausgangspunkte für Fußwanderungen und Bergtouren. Sie führen ins Toggenburger Land hinüber, wo die Sieben Churfirsten ihre seltsam geformten, einer stumpfen Zahnreihe gleichenden Gipfel aus einem sanften Mattengelände erheben. Sie verbinden St. Gallen mit dem weiträumigen Appenzeller Land. Das gut markierte Wanderwegenetz hat heute eine Gesamtlänge von rund 6500 Kilometern. Außerdem führen auch noch etwa zwanzig Radwanderwege kreuz und quer durch die Region. St. Gallen selbst besitzt neuerdings einen eigenen Radweg vom Zentrum bis zum östlichen Stadtrand, von wo man dann in Richtung Appenzell weiterradeln kann.