Von Heinz Josef Herbort

Als im Herbst 1977 Christoph von Dohnanyi die Intendanz der Hamburgischen Staatsoper übernahm, fand er hier in einem Punkt eine ziemliche tabula rasa vor. Zwar hatte August Everding es durchgesetzt, daß für sein Haus eine Kammerbühne – die opera stabile – eingerichtet wurde. Dort war auch die eine oder andere Produktion herausgekommen. Etwas Entscheidendes hingegen war unterblieben – die systematische Pflege eines entsprechenden und vor allem die Aufbereitung eines spezifischen neuen Repertoires für diese Gattung „Kammeroper“.

Dohnanyi sah eine erste Chance, sich in der Hansestadt zu profilieren. Er brachte die verantwortlichen Theatermänner aus Bremen, Kiel, Lübeck, Hannover, aber auch aus Flensburg und sogar aus Braunschweig mit sich an einen Tisch und überzeugte sie von dem Plan, eine Art Ringverbund auszuprobieren: Aufträge an jüngere Komponisten sollten vergeben, die Stücke an den einzelnen Theatern herausgebracht und dann reihum in den übrigen Städten gezeigt werden.

Ein lobenswertes Vorhaben. Gleichwohl war einige Skepsis nicht zu unterdrücken. So viele Talente waren kaum in Sicht, als daß da plötzlich ein Boom an Stücken hätte erwartet werden dürfen. Die räumlichen wie die personellen Gegebenheiten in den einzelnen Städten sind zu unterschiedlich, als daß ohne große Verrenkungen überall Vorzeigbares zu kreieren wäre. Und der Begriff „Kammeroper“ ist so dehnbar, daß alles und jedes zwischen Pantomime und szenischem Konzert unter dieser Bezeichnung Platz fände, eine einigermaßen sinnvolle, auch das Publikum nicht überfordernde oder an ihm vorbeiproduzierende Dramaturgie also nur schwer vorstellbar erschien.

Zudem haben Erfahrungen anderer für diese Kärrnerarbeit sich engagierender und darin schindender Sänger, Regisseure und Dirigenten eigentlich nachdenklich machen müssen. Was Verwaltungsbeamte, die nur die verkauften Eintrittskarten zählen, oder karrieresüchtige Generalmusikdirektoren oder Intendanten, die den künstlerischen Etat für ihre eigenen ambitiösen Vorhaben plündern und dem Opern-„Studio“ lächerliche 750 Mark auf dem Honorarposten belassen – was also Borniertheit und Dummheit hier verhindern oder gar zerstören können, dafür gibt es an vielen Theatern eine Menge Hinweise, Anzeichen und Fakten. Und die Zahl der anfänglich engagierten, inzwischen aber frustrierten Künstler ist jetzt schon zu groß geworden.

Wenn nun doch Anfang April in Hamburg eine Woche lang die gesammelten Früchte einer ersten Such- und Versuchsaison zu hören und zu sehen sein werden, spricht das nicht gegen frühere Skepsis und Bedenken: umwerfend Neues, die Gattung Revolutionierendes oder in den Vordergrund Rückendes ist in dem ersten Jahr kaum entstanden.

Das jüngste Element der Reihe hatte am vergangenen Donnerstag in Hamburgs opera stabile Premiere: „Jakob Lenz“, ein 75-Minuten-Stück von Wolfgang Rihm, einem der Talente, die vielleicht die musikalische Entwicklung der kommenden Jahre von der Komposition her entscheidend mittragen.