Schamhaft und nachsichtig wolle die Partei mit dem Mantel der Harmlosigkeit zudecken, was eine spionagetechnische Meisterleistung dieses Jahrhunderts sei; statt der Öffentlichkeit reinen Wein einzuschenken, flüchte man sich in Vernebelung und Vertuschung, vertraue man auf Kosmetik und Augenwischerei – so scholl es vor fünf Jahren den Sozialdemokraten in die Ohren, als der Spion im Kanzleramt dingfest gemacht worden war. Nun bringt sich die Opposition in Gefahr, sich selber all die Vorwürfe zuzuziehen, die sie damals einer schockierten Regierungspartei mit Recht vor die Nase gehalten hat: Binnen einer Woche sind drei Sekretärinnen aus dem Führungskreis der Christlichen Demokraten in Spionageverdacht geraten. Ein Abgrund an Verrat tut sich auf, der an die Ausmaße des Falles Guillaume heranreicht. Zur Schadenfreude ist gleichwohl kein Anlaß, eher zur gegenseitigen Loyalität der Parteien.

Bonn kann auf die Erfolge seiner Spionageabwehr stolz sein. Vor drei Jahren noch hatte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz eher ungläubig gemeint, eine allgemeine Rückberufung von Agenten wäre ein bisher in der Geschichte der Spionage nicht dagewesenes Eingeständnis einer falschen Arbeit. Nun haben die neuen Ermittlungsmethoden seines Amtes das Ostberliner Ministerium für Staatssicherheit gleich zweimal gezwungen, Topagenten – bei der Nato in Brüssel und bei der CDU in Bonn – abzuberufen und diese Niederlage auch noch bekanntzugeben. In beiden Fällen war die DDR-Spionage Opfer ihrer eigenen Arbeitstechnik geworden, die sie nötigt, viele ihre Agenten rücksichtslos zu verheizen. Zwei vermeidbare Verhaftungen, ausgelöst durch das Kölner Suchraster, veranlagten wichtigere Agenten zur überstürzten Flucht.

Die DDR versucht, ihre Blamage durch Propaganda zu überspielen. Es hieße dieses Spiel fördern, wollte die Opposition in Bonn den ihr angetanen Tort bagatellisieren. Nach diesen Pannen muß die nach der Affäre Guillaume beschlossene Absicht in die Tat umgesetzt werden: die Sicherheitsüberprüfungen in den Vorzimmern sind wichtiger als neckische Aufkleber am Panzerschrank. k. j.