Ich weiß einen Weinwanderpfad, den es, genaugenommen, nicht gibt. Das ist ein Pfad ohne Namen und Markierung, einen, den sich der wandernde Zecher, jeder Regung seiner Neugier folgend, unter vielen nach Belieben heraussucht. Der Pfad könnte heute so, morgen anders verlaufen, Er ist variabel, voller Überraschungen, paßt sich jeder Neigung an, jeder Gemütsbewegung. Nur eins ist sicher: Er führt weite Strecken durch Weinkeller.

Der Wanderpfad wird von zwei Strömen begleitet. Der eine ist der Ebro, der andere der Rotwein. Der Pfad zieht sich, am Ebro-Ufer entlang, durchs Rebenland Rioja.

La Rioja, eine Dornröschenlandschaft in Nordspanien, liegt, von der Sierra Cantabria geschützt, im Windschatten der atlantischen Stürme rund 100 Kilometer Luftlinie von San Sebastian und dem Golf von Biskaya entfernt. La Rioja ist ein grünes Hügelland mit roter Erde, Weingärten, Uferweiden, silbrigen Olivenhainen und blauen Bergen am Horizont. Die Spanier sagen: Prado de Jesus – Wiese Jesu. Das Land am Ebro war umkämpftes Grenzgebiet zwischen den Rittern der Christenheit und den maurischen Eroberern. Die Vergangenheit ist sein Stolz, der Wein sein Reichtum – der feine, rubinrote Wein.

Der Wanderpfad, den es eigentlich nicht gibt, beginnt in der Provinzhauptstadt Logroño. Er fährt, immer am Südufer des Ebro entlang, durch das Rebenland der Rioja Alta mit den besten Rotweinen der Landschaft und berührt die ruhmreichen Winzerdörfer Fuenmayor, Cenicero sowie Briones und endet in Haro, dem Zentrum des Riojaweins.

Visionen der Geschichte eilen dem Wanderer voraus wie der Igel dem Hasen. Sie offenbaren sich in gotischen Kathedralen, einsamen Klöstern mit Kreuzgängen wie Silberfiligran, Königsgräbern, goldenen Altären, Paradiespforten und romanischen Madonnen. Doch mächtiger als die Bilder aus den Steinmetzwerkstätten der Vergangenheit wirken die Träume aus den Weinkellern auf den Wandersmann ein. Am Weinwanderpfad von ungefähr 40 Kilometern liegen rund 25 Bodegas – sprich: Weinkeller. Der Wanderpfad verläuft einige Kilometer unterirdisch. Die Bodegas der Rioja sind uralte Gewölbe, glitzernd wie Tropfsteingrotten, mit endlosen Reihen gestapelter Eichenfässer, aber auch klimatisierte Industrieanlagen mit Betontanks wie fünfstöckige Häuser und Flaschenlagern wie Turnhallen. Besichtigungen mit obligater Weinprobe arrangiert die Vereinigung der Riojawein-Exporteure (Adresse: Grupo de Exportadores de Vinos „Rioja“, Gran Via 14/111, Logroño, Tel. 003441/22 28 37).

Verständige Weinpilger erkennen alsbald: Weine der Rioja sind nicht nur die besten Spaniens, sie zählen zudem, vergleichbar den kostbaren Edelgewächsen von Bordeaux und Burgund, zu den großen Rotweinen der Welt.

Das Rebenland der Rioja umfaßt 44 000 Hektar Weinberge (fast dreimal die Rebenfläche von Rheinhessen) mit rund 1.5 Millionen Traubenstöcken und einem durchschnittlichen Jahresertrag von 1,1 Millionen Litern. In manchen Jahren war Wein wohlfeiler als Wasser. In der Winzergemeinde Fuenmayor erzählt man, der Mörtel für den Glockenturm sei in einem Sommer großer Dürre mit Wein angerührt worden.