Von Carl Weiss

Es heißt vielerorts, wir seien „zu links“. Da müßte doch, wenn wir schon mit solchen Klischees hantieren, zunächst die Frage beantwortet werden, wo denn die Mitte des Maßstabs ist. Politiker und Sprecher, die nach jedem vernünftigen Kriterium rechts von der Mitte einzuordnen wären, können nicht für sich allein in Anspruch nehmen, etwa bei der Beurteilung eines Fernsehprogramms zu entscheiden, wo es anfängt, „links“ zu werden. Daß jemand neben sich auf der linken Seite mehr Sachen, Leute und wachsendes Gras hört und sieht, wenn er selber mehr auf der rechten Seite des Spielfelds steht, ist offenkundig. Wo die faire Mitte jeweils liegt, der Balken meinetwegen, auf dem Programme auszuwiegen sind, das muß man schon von Gegenstand zu Gegenstand, „bitte by issue“, ständig, gemeinsam und öffentlich ausdiskutieren unter allen, die dazu kompetent, also informiert und artikulierfähig sind.

Für den häufig behaupteten und von mir überhaupt nicht geteilten Eindruck, die Programme der öffentlich-rechtlichen Sender seien „eher links“, sehe ich unter anderem folgende Gründe:

Einige Stimmen in der CDU und in der CSU sind in ihrer Kritik am Programm lautstärker, organisierter geworden als früher. Daß die jahrelange Verbannung in die Opposition – auf Bundesebene – zu Frustration führt, ist da bekanntlich auch auf anderen Gebieten sichtbar. Daß das große Potential von Energien und Talenten in dieser Opposition, dem Betätigung zur Zeit versagt ist, nach Öffentlichkeit drängt, ist beweisbar und verständlich. Meine Kollegen und ich registrieren allerdings erstaunliche Unterschiededer Verdrossenheit in den Reihen führender Männer und Frauen der CDU. Unter denen, die in der Partei und darüber hinaus, etwa! in Landesregierungen, ausgelastet sind, sagen wir Namen wie Albrecht und Späth, finden wir sehr viel mehr Gelassenheit und im großen und ganzen Zufriedenheit mit der ARD als unter jenen, die sich zuweilen im Leerlauf befindlich sehen mögen. Und vergessen wir nicht: Kritik an der Publizistik schafft den Kritikern allemal und zunächst mal für sich viel Publizität.

Es ist sicher ein Korn Wahrheit daran, wenn die CDU heute Von sich sagt, sie sei in den fünfziger und sechziger Jahren „medienpolitisch nicht sehr aktiv“ gewesen. Ich finde eher, daß diese Periode die Partei schmückt Sie sollte den Nachholbedarf nicht übertreiben.

Nun ist es auf der anderen Seite meine zugegeben noch kurze Erfahrung als Koordinator für Politik, daß es jetzt die SPD ist, die in eine Phase medienpolitischer Inaktivität eingetreten ist. Ich kann die Gründe dafür nur vermuten. Einige ganz oben, die zum Teil selber einmal Journalisten waren, mögen weise genug (geworden) sein, zu erkennen, daß es eher gegenproduktiv ist, wenn eine Partei immerfort vor den Redaktionstüren auftaucht und mangelt. Weise Zurückhaltung bei allen, im Umkreis der Baracke möchte ich nicht vermuten. Eher sehe ich da in der gesamten Medienpolitik der SPD zur Zeit Ineffizienz, Unzuständigkeit und Durcheinander. Der Umgang dieser Partei mit ihren eigenen Zeitungen bestärkt mich darin. Wie dem auch sei: Die SPD geht durch eine Phase der Medienmüdigkeit, was mit zu dem falschen Eindruck beiträgt, die Linke habe an unseren Programmen weniger auszusetzen als die Rechte. Im übrigen überläßt die SPD zur Zeit scheint’s die Versuche zur Einflußnahme auf die Medien mehr den Gewerkschaften, was vermutlich nach hinten, wenn man will, nach „rechts“ losgehen wird. (Siehe Gert von Paczensky in der ZEIT und die Folgen.)

Ich meine, daß in unseren Programmen auch ausreichend viel an Urteilen, an Weltbildern und an Gesellschaftsbildern überkommt, die man als rechts von der Mitte einstufen muß. Nicht nur im Informationsprogramm.