Horst Sterns neues Buch: Der Streit um Tierversuche spitzt sich zu

Von Günter Haaf

Eines der Tiere wird aus der Gruppe herausgegriffen, die dort zusammengedrängt steht. Man hält es fest, weil es sich sehr wehrt. Seinem Kopf wird ein starker elektrischer Schlag versetzt. Nach dieser Art von Betäubung wird im Hals des Tieres ein Schnitt gemacht und das Blut entweder gesammelt oder vergossen, je nach Bedürfnis. Sobald das Tier aufgehört hat zu zucken, wird ein klaffender Schnitt in die Bauchdecke gelegt..."

Die brutale Szene vom blutigen Ende einer Kreatur, geschildert von dem englischen Dermatologie-Professor Sam Shuster bei einem Vortrag im Oktober 1977 in London, ist "die Sorte von Presseveröffentlichung, die einen schlechten Ruf begründet" – den schlechten Ruf jener Forscher nämlich, die meinen, ohne Tierversuche keine, vernünftige wissenschaftliche Arbeit leisten zu können. Doch Shusters Schilderung war nicht auf seine Kollegen gezielt, sondern auf uns alle: "Was ich Ihnen erzählt habe, ist nicht der Hergang eines Tierversuchs, sondern der Ablauf der Schlachtung eines Schweins zum Zweck der Lebensmittelgewinnung, und zwar auf einem besonders guten Schlachthof, den ich besuchte."

Das doppelbödige Beispiel zitiert der Fernsehjournalist Horst Stern in einem bemerkenswerten Vorwort, das er zu seinem jetzt erschienenen Buch "Tierversuche in der Pharmaforschung" schrieb*. Der Autor bissiger Bemerkungen zu Hausschwein und Hund, vor allem aber jener gleichnamigen dreiteiligen Fernsehserie, deren Originaltexte er zusammen mit zusätzlichen Informationen nun als Buch vorstellt, verharrt damit dickschädelig in einem Themenbereich, in dem für – zumal populäre – Tierautoren emotionelle Tretminen dicht an dicht liegen: In kaum einem Bereich im Dunstkreis von Wissenschaft und Forschung schlägt die Erregung so hoch wie beim Streit um das Für und Wider von Tierversuchen.

Auch Horst Stern, der nicht so aussieht, als wäre er mit den Mimosen verwandt, zeigt Wirkung, wenn er schreibe? "es wird diesem Buch nicht anders ergehen als den drei Filmen, die ihm zugrunde liegen: angeklagt des nützlichen Idiotentums für die Pharmaindustrie, ja sogar der PR-Kumpanei mit ihr; geziehen auch der Blauäugigkeit, weil ich die Kellerverliese bei ihr immer noch nicht fand, in denen Tiere aus purer Lust gemartert werden; und beschimpft des Verrats an der leidenden Kreatur sowie der Geschäftemacherei mit dem Elend". Warum also zieht er sich nicht – "O wie ist es am Kilimandscharo so schön!" – zurück ins beschauliche Metier des Mattscheiben-Tieronkels? Zumindest die Idee scheint ihm gekommen zu sein, denn "nach Auslöffeln der heißen Suppe, die ich mir damit einbrockte, bin ich dem Achselzucken nahe, mit dem der behördliche Tierschutz, Gesundheitspolitiker und Pharmakologen schon lange die hysterischen Schmähungen durch die ‚Antivivisektionisten‘ quittieren".

Unbeugsame Rechthaberei