Erwartungen der Berliner Kandidaten

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Weil die Genossen ihrer Sache zu sicher waren, bangen sie nun um ihren Sieg in Berlin. „Die Siegeszuversicht wirkt sich negativ auf die Mobilisierung der SPD-Wähler aus“, schreibt das Parteiblatt Berliner Stimme. Nach Einschätzung der Sozialdemokraten sind 98 Prozent der potentiellen CDU-Wähler „mobilisiert“, aber nur 88 Prozent der SPD-Anhänger. Das könnte bedeuten, daß der SPD vier Prozent der Stimmen verlorengehen, weil ihre Anhänger meinen, die Wahl Sei schon gewonnen.

Darum hat die SPD schnell noch einmal ihren Wahlkampf angekurbelt und die Taktik variiert. Von den Wählern, die sich bei früheren Umfragen noch unentschieden zeigten, scheinen überdurchschnittlich viele der CDU zuzuneigen. Richard von Weizsäcker, der neue Spitzenmann der Union, ist bei den Berlinern spät, aber nicht zu spät angekommen. Als in einer Fernsehdiskussion der Regierende Bürgermeister Stobbe, beeindruckt von den jüngsten Umfrage-Ergebnissen, seinen Gegner hart anging, schlug der sonst so verbindliche Weizsäcker bissig zurück. Stobbe: „Wie antwortet man auf bestimmte Maßnahmen der DDR? Da sagen Sie, Sie sind gegen Retorsionen. Herr Lummer verlangt das jeden dritten Tag! Also, wie soll das gehen, Herr von Weizsäcker?“ Weizsäcker: „Ein bißchen sachlicher, ja! Das hat ja so wirklich gar keinen Sinn.“

Zum Schluß wird es also doch noch spannend. Billigt man der kommunistischen SEW etwa zwei Prozent, den Grünen Listen vier Prozent und den übrigen Splitterparteien noch ein Prozent zu, dann fallen sieben Prozent durch den Rost der Fünf-Prozent-Klausel. Angenommen, die FDP würde wie bei den letzten Wahlen ungefähr sieben Prozent erhalten, dann teilten sich die großen Konkurrenten die restlichen 86 Prozent. Die CDU müßte dann mindestens 46,5 Prozent bekommen, also ihr Rekordergebnis von 1975 um 2,6 Prozent übertreffen, um die Regierung stellen zu können. Wenn die SPD ihr bisher schlechtestes Wahlergebnis von 1975 mit 42,6 Prozent auch nur knapp halten kann, wird die CDU in der Opposition bleiben. Die Frage ist, wohin die 3,4 Prozent Stimmen wandern, die der rechtsgewirkte Bund Freies Deutschland (BFD) 1975 erhalten hat. Der BFD kandidiert nicht mehr und wirbt in Anzeigen massiv für Weizsäcker. Die SPD beruhigt sich damit, daß die meisten Wähler dieser Gruppierung eigentlich doch Sozis vom rechten Flügel gewesen seien, die nun zur Mutterpartei zurückkehren würden.